Belmira

Belmira

Die verhinderte Volks-Meßsucherkamera?

Ein großes Ärgernis für den DDR-Bürger war der fortwährende Mangel an hochwertigen Konsumgütern. Hierbei stach insbesondere die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit heraus: Immer wieder wurden Dinge zwar angekündigt und mit Vorschußlorbeeren bedacht, aber zu kaufen gab es sie dann lange Zeit nicht. Egal ob in der Mode, beim Möbel und bei allerlei anderen begehrten Waren. Andererseits fehlten aber auch immer wieder recht banale Dinge wie die berühmten Badekappen, die Kohlenzangen, Schuhcreme, Briefumschläge usw. Entweder wurden solche Produkte nicht oder nicht in ausreichenden Mengen hergestellt, oder es haperte einfach an der sogenannten Warenstreuung. Das ging dann beispielsweise so weit, daß Bürger in ihrer Region in Massen verfügbare Kohlezangen über die Satirezeitschrift "Eulenspiegel" in Gebiete der Republik vermittelten, wo diese Zangen schon seit Jahren nicht mehr gesichtet worden waren. So dichtete ein Eulenspiegel-Redakteur, der lieber namentlich ungenannt bleiben wollte, im Jahre 1960 treffend:



Die Planbilanz erwies sich als Knüller:

Es ging voran in allen Wirtschaftszweigen.

Wir sprechen laut das Lob der Planerfüller.

Vom Sortiment dagegen laßt uns schweigen.

Belca und Welta Belmira

So gab es auch im Photobereich Konsumgüter, die nach Tonnenideologie in riesigen Massen ausgestoßen wurden, die aber in diesem Umfang von der Bevölkerung gar nicht gebraucht wurden. Und weil die Prinzipien von Angebot und Nachfrage in der DDR durchaus ganz bewußt unterdrückt wurden, konnte der Markt letztlich auch gar nicht widerspiegeln, wonach der Kunde wirklich verlangte. Deshalb mußte die DDR-Industrie ja so auffällig nach dem Westen schauen, um abschätzen zu können, was eigentlich gerade Mode ist und auf welchen Trend man aufspringen muß.

Belca Belmira Prototyp

Prototypkamera der Belmira aus den frühen 50er Jahren. Der Seriennummer des Objektives nach zu urteilen war dies sogar das Gerät, das auf der Leipziger Frühjahrsmesse 1951 gezeigt worden ist.

Zur Gruppe derjenigen Produkte, die zwar großartig angekündigt, aber letztlich auf Jahre hinaus nicht hergestellt wurden, gehört auch die Belmira des Dresdner Belca-Kamerawerkes. Schon an verschiedenen Stellen auf unserer Seite habe ich darauf verwiesen, welchen enormen Aufschwung die Kleinbildphotographie in der Zeit nach 1945 erlebt hat. Zwar wurden mit Modellen wie der "Welti" oder der "Beltica" auf die Vorkriegszeit zurückgehende und auch neukonstruierte Kleinbildkameras hergestellt, aber mit ihren Balgen und ihren ungekuppelten Verschlußaufzügen waren sie wahrlich nicht auf der Höhe der Zeit. Es mangelte an einer starren Tubuskamera moderner Bauart und Formgebung, die mit einem gekuppelten Entfernungsmesser ausgestattet sein sollte und bei der sich der Zentralverschluß mit spannte, wenn man den Film weiterschaltete. Solche Kameras gab es in der Bundesrepublik zu Beginn der 50er Jahre bereits in mannigfaltiger Variation. Bis zum Erscheinen der Werra III war eine solche Kamera in der DDR aber nicht aufzufinden.

DD05411 Schreiber Belmira Transport

Um so erstaunter war ich, als ich das DDR-Patent Nr. 5411 gefunden habe, das belegt, wie frühzeitig doch auch im Osten an genau solch einer Kamera gearbeitet wurde. Es stammt nämlich vom 28. April 1950 (!) und zeigt exakt denjenigen Spann- und Transportmechanismus, wie er letztlich in der Belmira verwirklicht wurde. Damit läßt sich auch mit großer Sicherheit angeben, daß diese Kamera von Karl Schreiber konstruiert worden ist. Mit diesem gekuppelten Aufzug, dessen Betätigungs-Schieber bereits den später sehr beliebten Schnellspannhebeln ähnelt, wäre diese Kamera ihrer Zeit weit voraus gewesen.

Belmira 1951

Noch erstaunlicher erscheint es, daß diese Belmira schon weniger als ein Jahr später auf der Leipziger Frühjahrsmesse 1951 erstmals gezeigt wurde [Vgl. Fotografie 4/1951, S. 104/105]. Produziert wurde sie indes nicht. Erst fünf (!) Jahre später begann der VEB Belca-Werk mit der Serienfertigung und stellte die Kamera ein zweites Mal als Neuerscheinung auf der Herbstmesse 1956 vor [Vgl. Bild & Ton Heft 10/1956, S. 272]. Größere Stückzahlen gab es aber wohl erst, nachdem dieser Betrieb im Jahr darauf aufgelöst und seine Fertigung dem VEB Welta-Werk angegliedert worden war. Charakteristisch für diese Belmira ist, daß sie mittlerweile einen Schrägauslöser bekommen hatte, den einstmals Wilhelm Winzenburg für die Spiegelcontax patentiert hatte. Wenn man so will, kann das als ein frühes Zeichen für die noch folgenden Konzentrationsprozesse angesehen werden, die 1959 durch die Schaffung des VEB Kamera- und Kinowerke angestoßen worden waren und die letztlich 1968 im großen "Kamerakombinat" Pentacon mündeten.

Belca Belmira Prototyp

Prototyp bzw. Musterkamera der Belca Belmira von 1950/51 (oben) im Vergleich zu einer der späteren Serienkameras (unten). Das grundsätzliche Bauprinzip lag bereits frühzeitig fest.

Belmira Schnellspannhebel

Mit ihrem gekuppeltem Vebur-Zentralverschluß und ihrem gekuppelten Entfernungsmesser gehörte die Belmira zu den wenigen Meßsucherkameras des DDR-Photogerätebaus. Freilich war der Meßsucher nur sehr einfach aufgebaut. Statt mithilfe eines halbtransparenten Spiegels wurde das Mischbild durch einen Glasstab eingespiegelt, der in den Sucher hineinragte und dessen Ende verspiegelt war. Der eigentliche Sucher war linsenlos als Rahmensucher ausgeführt. Damit man das Mischbild überhaupt erkennen konnte, mußte dieser Rahmensucher mithilfe einer getönten Scheibe stark abgedunkelt werden. Das war natürlich deutlich simpler gelöst als bei der zeitgenössischen Werra III des Zeisswerks, die mit ihren Wechselobjektiven aber ohnehin in einer völlig anderen Liga spielte. Die Belmira war demgegenüber deutlich auf kostenbewußte Massenfabrikation hin ausgelegt. Leider stellte sich auch heraus, daß der dünne Glasstab im Meßsucher leicht abbrach, wenn die Kamera größere Erschütterungen erfuhr. Auch war derselbe als in das Sucherbild hereinragende Störung sichtbar.

Belmira viefinder

Oben ist das besagte Glasstäbchen zu sehen, das von rechts in das Blickfeld des Suchers hineinragt. Die äußerste Spitze mußte versilbert sein, damit das Mischbild vom Entfernungsmesser sichtbar wurde. Glasstäbchen und/oder Versilberung sind heute bei vielen Kameras leider nicht mehr vorhanden. Eine aufwendigere Konstruktion des Suchers war auch deshalb nicht möglich, weil die gesamte Teile unterhalb des Suchers zum Spannmechanismus gehörten und daher beweglich waren. Es gab schlichtweg kaum Befestigungsmöglichkeiten. Darin liegt wohl auch der Grund, weshalb der in den frühen Pressetexten erwähnte Parallaxenausgleich für den Meßsucher in den Seriengeräten nicht verwirklicht werden konnte. Bild: Benjamin Kotter

Belmira-Verkauf 1957

In einem Dresdner Fotokonsum wird im Jahr 1957 dem Kunden eine Belmira vorgeführt. Festgehalten von Höhne/Pohl, Deutsche Fotothek, Datensatz 90054484.

Angesichts eines Verkaufspreises von 182,70 Mark für die Version mit Trioplan und 210,- Mark für jene mit Tessar war diese vereinfachte Konstruktion aber akzeptabel. Eigentlich hätte diese Belmira das Potential gehabt, eine große Volkskamera der DDR werden zu können, aber die kurze Zeitspanne, in der sie tatsächlich in größeren Mengen produziert wurde, vereitelte dies. Offensichtlich war die Belmira, als 1957 doch noch ihre Serienfertigung aufgenommen wurde, nicht für den Export vorgesehen, von dem dann üblicherweise lediglich ein kleines Kontingent für den DDR-Inlandsmarkt abgezweigt worden wäre. Vielmehr war sie dem Anschein nach ganz und gar auf einem Absatz in den DDR-Geschäften zugeschnitten. Daß sie nun aber bereits nach so kurzer Zeit wieder aus der Fertigung genommen wurde, läßt sie als eine der vielen Opfer der staatlich verordneten Preissenkung vom Mai 1960 erscheinen. Der Preis des Modells mit Trioplan mußte um 36,- Mark, derjenige mit Tessar gar um 50,- Mark reduziert werden. Damit dürfte sich eine Produktion nicht mehr gelohnt haben. Wie die Praktina, die Certo-Six und die Altix verschwand die Belmira daraufhin aus den Geschäften. Staatlich gelenkte Preispolitik hatte eben nicht zur Folge, daß sich die Menschen in der DDR mehr leisten konnten, sondern daß die Hersteller ihr Angebot ausdünnten. Hochwertige Sucherkameras gab es bald überhaupt keine mehr.

Belmira Trioplan

Späte Belmira mit Trioplan 2,9/50mm und einem anderen Ausschnitt in der Deckkappe für die Einspiegelung des Mischbildes. Da bei dieser Kamera - wie oben bereits angedeutet - typischerweise der verspiegelte Glasstab abgebrochen war, habe ich den Meßsucher auf die übliche Bauart mit einer schräggestellten halbverspiegelten Glasscheibe umgebaut, was man auf dem Bild oben bei genauerer Betrachtung auch erkennen kann. Durch diesen Umbau wurde überdies der Sucher bedeutend heller.

Zum Abschluß noch folgende Informationen: Aus den Angaben "Thiele" kann man ausrechnen, daß für die Belmira etwa 38.000 Tessare 2,8/50 geliefert wurden. Bedenkt man, daß diese Kamera ja auch mit Trioplan ausgerüstet wurde, so ist die Belmira nicht wirklich selten. Die oben angedeutete kurze Produktionszeit wird hingegen dadurch bekräftigt, daß die meisten dieser Tessare lediglich zwischen Januar 1956 und Oktober 1958 geliefert wurden. Nur eine Abweichung sticht ins Auge: Dieser Auflistung zufolge seien bereits im November 1954 5000 dieser Tessare fertiggestellt worden. Ob diese geliefert und wirklich in eine frühe Serie dieser Kamera montiert wurden, das kann ich freilich nicht sagen.

Marco Kröger


letzte Änderung: 16. April 2024