zeissikonveb.de
Phototechnik aus Jena, Dresden und Görlitz
.jpg?etag=W%2F%2224d41a-60f52dc9%22&sourceContentType=image%2Fjpeg&ignoreAspectRatio&resize=1049%2B62&quality=85)
Ein Blick in die ersten 25 Jahre der Entwicklungsgeschichte dieser speziellen Bauart des Weitwinkelobjektives

In diesem Aufsatz behandelte Hersteller:
1. Wozu überhaupt Retrofokus?
Bereits in den 1930er Jahren hatte sich abgezeichnet, daß die Spiegelreflexkamera eine Renaissance erleben würde. Ausgelöst hatte diese Entwicklung zweifellos die Rolleiflex, die bewiesen hatte, daß die Verknüpfung von Rollfilm mit der Mattscheibeneinstellung sehr vorteilhaft für den Anwender war. Einen großen Schub hatte dann die Exakta der Ihagee gebracht, die für eine Wiederbelebung der althergebrachten Bauform der Einäugigen Spiegelreflexkamera sorgte, insbesondere nachdem in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre die Kine-Exakta herausgekommen war. Der Zweite Weltkrieg hatte die Weiterentwicklung der Phototechnik und ihrer Herstellerbetriebe zwar massiv gestört, doch verbreitete sich von Deutschland ausgehend der Typus der Kleinbild-Reflexkamera nach 1945 um so vehementer. Verständlicherweise kam recht bald der Wunsch auf, das Normalobjektiv nicht nur gegen Teleobjektive, sondern auch durch Weitwinkelobjektive auswechseln zu können, so wie man es von den Kleinbild-Sucherkameras Leica und Contax bereits seit den 30er Jahren gewohnt war. Dabei stellte sich aber gerade der namensgebende Reflexspiegel als Hemmnis in den Weg, denn dieser benötigte stets einen ausreichend großen Bewegungsspielraum hinter der Rücklinse des Objektivs, um ungehindert hochklappen zu können. Diesen Abstand vom Scheitel der hintersten Linse der Optik bis zur Bildebene bezeichnet der Fachmann als Schnittweite.

Es ist unschwer einzusehen, weshalb kurzbrennweitige Objektive nach einer besonderen Bauform verlangen, um mit dem Funktionsprinzip einer Spiegelreflexkamera sprichwörtlich nicht in Kollision zu geraten. Der Schwenkbereich des Spiegels (blau) muß bei den allermeisten Modellen freigehalten werden, um die Funktion des Gerätes überhaupt zu gewährleisten, denn nur die wenigsten gestatten ein Arbeiten mit hochgeklapptem Spiegel.
In etwa zur selben Zeit brachten zudem die Kamerahersteller vermehrt Modelle von Sucherkameras mit Wechselobjektiven heraus, bei denen der Zentralverschluß zwischen Objektiv und Kameragehäuse angeordnet war. Da also die Objektive als komplette Einheit vor den Verschluß gesetzt wurden, verlangte diese Bauweise nach ähnlich langen Lufträumen zwischen Objektiv-Rücklinse und Filmebene, wie bei den Spiegelreflexkameras. Die Kamerahersteller konfrontierten daher Anfang der 1950er Jahre ihre Objektivzulieferfirmen mit der Forderung nach speziellen Weitwinkelobjektiven, die trotz der kurzen Brennweite eine ausreichend lange Schnittweite bieten mußten. Die sich angesichts dieser Aufgabenstellung auftürmenden optischen Klippen haben die Objektivhersteller vor große Schwierigkeiten gestellt und den Konstrukteuren abverlangt, völlig neue Lösungsansätze auszuloten.

Schlitzverschlüsse mit einem breiten Verschlußzeitenbereich waren sehr aufwendig. Die Konstrukteure kamen daher auf die Idee, für gehobene Amateur-Sucherkameras die Wechselobjektive (grün) VOR einen FEST EINGEBAUTEN Zentralverschluß (rot) zu setzen. Dieser war zuverlässig und aufgrund der Massenherstellung vergleichsweise preiswert. Das Problem lag aber darin, daß dieser Zentralverschluß in einem ausreichend großen Abstand vor der Bildebene placiert werden mußte, damit der Lichtfluß (blau) nicht künstlich abgeschnitten wurde. Bei einem Verschluß der Baugröße 0 beträgt der freie Durchlaß nur 24 mm, bei einem Modell der Baugröße 00 gar nur 17,8 mm. Das sind jeweils nur Bruchteile der Diagonale des Kleinbildformates. Durch die weit vorgerückten Verschlußsektoren ergaben sich bei dieser Kamerabauart im Hinblick auf kurzbrennweitige Objektive quasi dieselben Schwierigkeiten wie bei den Spiegelreflexkameras .
1.1 Retrofokus Weitwinkel des Bautyps 1
Dabei war diese Problemstellung, daß hinter dem Objektiv nicht genügend freier Luftraum für die mechanischen Anforderungen des Kamerasystems vorhanden ist, an sich gar nicht neu. Ein Beispiel dafür war die frühe Farb-Kinématographie, die nach einem Farb-Auszugsverfahren arbeite, bei dem die Farbinformation des Motivs auf zwei oder drei Grundfarben aufgesplittet und anschließend auf ebenso vielen getrennten Schwarzweißfilmen aufgezeichnet wurde. Filmkameras, die für dieses komplizierte Verfahren geeignet sein sollten, brauchten einen großen Freiraum hinter dem letzten Linsenscheitel, um zwischen Objektiv und Film die für die Farbauszüge nötigen Strahlenteilerprismen unterbringen zu können.

Im oben gezeigten US-Patent Nr. 1.910.492 aus dem Jahre 1931, das auch wirklich für die Technicolor-Gesellschaft praktisch ausgeführt und eingesetzt wurde, hatte Lewis L. Mellor zwei zerstreuend wirkende Achromate vor ein lichtstarkes Grundobjektiv vom Gaußtyp gesetzt. Der Abstand dieser stark negativen Komponente lag dabei in der Größenordnung der objektseitigen Brennweite dieses Grundobjektivs, wodurch sich die Äquivalentbrennweite des Gesamtsystems kaum veränderte, die bildseitige Schnittweite im Vergleich dazu jedoch stark verlängert wurde.

In der Fachliteratur findet sich der oben angegebene Formelapparat, mit dem sich abschätzen läßt, wie groß die Brechkraft der vorgesetzten Zerstreuungslinse sein muß, um eine bestimme verlängerte Schnittweite zu erlangen [nach Sidney Ray: Applied Photographic Optics, 2002]. Abschätzen deshalb, weil bei einem Aufbau aus Einzellinsen natürlich massive Aberrationen der Fall wären.

Damit war bereits zu jener Zeit eine der beiden grundlegenden Lösungsmöglichkeiten für ein Retrofokus-Objektiv praktisch umgesetzt worden: Durch die in den Bereich der dingseitigen Brennebene F des Grundobjektivs gesetzte Zerstreuungslinse verschiebt sich die bildseitige Hauptebene H', von der ab die bildseitige Brennweite f' bemessen wird, weit in Richtung der Bildebene. Um genau diesen Betrag Δs' verlängert sich dadurch die bildseitige Schnittweite s', was ermöglicht, das gesamte Objektiv um ebendiese Entfernung von der Bildebene wegzurücken. Auf diese Weise war die gewünschte Vergrößerung des Luftraumes zwischen Objektiv und Filmebene erzielt worden. Nichts anderes als diese künstliche Rückverlegung des Brennpunktes bedeutet der von Pierre Angénieux gewählte Begriff "Retrofocus".

Zu Zeiten der Plattenkameras mit ihren variablen Laufbödenauszügen waren Vorsatzlinsen zur Veränderung der Brennweite des Normalobjektivs einige Zeit recht beliebt gewesen [nach Pritschow, Photographische Kamera, 1931, S. 307.]. Setzt man eine Zerstreuungslinse jedoch unmittelbar vor das Objektiv, so verlängert sie dessen Brennweite und der Bildwinkel wird kleiner. Deshalb der muß bei Retrofokus-Weitwinkelobjektiven der angesprochene große Luftabstand vorhanden sein, um die Brennweite kurz und den Bildwinkel weit zu halten und die Verlängerungswirkung nur auf die Schnittweite zu begrenzen. Man kann sich die Zusammenhänge in etwa so vorstellen, als ob man mit einer Kamera nah an eine Weihnachtsbaumkugel herangeht, um den sich in ihr spiegelnden Hintergrund aufnehmen zu können. Um nah genug an die Kugel heranzukommen, muß man auch hier das Objektiv auf nahe Distanz einstellen oder gar Zwischenringe verwenden.
In der älteren Fachliteratur und in Patentschriften ist alternativ zum Begriff Retrofokus auch oftmals von einem System "nach der Bauart des umgekehrten Teleobjektivs" die Rede, was darauf hindeutet, daß viele Optiker dieses Funktionsprinzip der manipulierten Schnittweite aus dem seit dem späten 19. Jahrhundert bekannten echten Teleobjektiv abgeleitet ansahen, wo der oben beschriebene Effekt quasi im umgekehrten Sinne erzielt wird. Das sollte freilich nicht darüber hinwegtäuschen, daß mit der immer stärkeren Aufweitung des Bildwinkels Retrofokusobjektive rasch eine völlig eigene Objektivbauform bildeten. Diese Formulierung mit dem umgekehrten Telesystem wurde oftmals auch nur deshalb verwendet, um gezielt den Ausdruck "Retrofokus" zu vermeiden. Es bringt immer Probleme mit sich, wenn sich ein ursprünglicher Markenname im Laufe der Zeit zum Gattungsbegriff wandelt.

Anfang der 1930er Jahre scheint zunächst jener Gesichtspunkt der verlängerten Schnittweite im Vordergrund gestanden zu haben – nicht jedoch eine gleichzeitige Weitwinkelwirkung. Die Brennweite des Retrofokus-Objektivs Mellors war mit 52 Millimetern in Anbetracht des Kino-Aufnahmeformates 18x24 mm noch ausgesprochen lang. Auch Horace William Lees im US-Patent Nr. 1.955.590 vom Oktober 1930 geschütztes Retrofokus (oben) hatte nur einen normalen Bildwinkel von 50 Grad. Der heute mit einer Retrofokus-Konstruktion so eng verknüpfte Aspekt, daß die stark verlängerte Schnittweite noch zusätzlich mit einem möglichst großen Bildwinkel einhergehen soll, der kristallisierte sich erst im Laufe der folgenden Jahre mit der Weiterentwicklung insbesondere der Schmalfilm- und Kleinbildkameras heraus.

Wohl als erste Konstruktion, die ausdrücklich eine verlängerte Schnittweite mit einem deutlich aufgeweiteten Bildwinkel verband, muß das US-Patent Nr. 2.341.385 vom 6. November 1941 gesehen werden, das Rudolf Kingslake und Paul W. Stevens für Kodak erarbeitet hatten. Dieses frühe Retrofokus-Weitwinkel erreichte bei einer Lichtstärke von 1:3,5 einen Bildwinkel von mehr als 60 Grad. Im Internet wird behauptet, das Patent sei Grundlage für ein "WA-Ektanar 3,5/35 mm" für eine Kleinbildkamera, doch es gibt überhaupt keine Belege, daß solch ein Objektiv überhaupt existiert. Es ist viel offensichtlicher, daß es sich um ein Weitwinkelobjektiv für eine Schmalfilmkamera handelt; zum Beispiel mit den Daten 3,5/12,5 mm für den 16-mm-Film. Filmkameras brauchen zwischen Objektiv und Bildebene einen Verschluß, der beim Bildtransport den Lichtpfad unterbricht. Dessen Platzbedarf schränkt bei Filmkameras die Verkürzung der Brennweite ähnlich stark ein wie bei Reflexkameras.

Oben sind die Strahlenverläufe durch dieses erste Retrofokus-Weitwinkel gezeigt bezogen auf die übliche Nennbrennweite von 100 mm. Das heißt, für ein Objektiv 3,5/12,5 mm müssten alle oben angegebenen Längenmaße durch 8 geteilt werden. Gegen eine Anwendung am Kleinbild spricht auch, daß die Leistung am Bildrand dafür zu schlecht ausfällt; trotz Anwendung thoriumhaltigen Schwerstkrones in der Linse Nummer zwei. Für das begrenzte Auflösungsvermögen des Schmalfilmes wäre das Objektiv aber gut genug gewesen. Die Verzeichnung erreichte an den seitlichen Bildrändern einen Maximalwert von lediglich 0,70 Prozent!

Der Zeiss-Ikon-Konstrukteur Robert Geißler, Urheber des Pentovars als einem der ersten Zoomobjektive, zeigt uns mit seinem DDR-Patent Nr. 17.867 vom 13. Dezember 1956, daß auch in moderner Zeit die Retrofokus-Bauweise nicht nur für Weitwinkelobjektive Anwendung fand. Geißler wollte ein sehr lichtstarkes Normalobjektiv 1,5/50 mm schaffen, bei dem ein Sonnar-Grundobjektiv durch Vorsetzen eines zerstreuenden Meniskus erweitert wurde, um eine für Spiegelreflexkameras ausreichend lange Schnittweite zu erzielen. Dieses außergewöhnliche "Retrofokus-Sonnar" ist ausführlicher hier in Abschnitt 6.1 behandelt.
1.2 Retrofokus Weitwinkel des Bautyps 2
Es gibt aber prinzipiell noch eine zweite Möglichkeit, ein Objektiv mit einer gegenüber der Brennweite stark verlängerten Schnittweite zu konstruieren. Dazu gibt man dem positiv wirkenden Grundobjektiv eine Brennweite, die lang genug ist, daß auch die Schnittweite ausreichend lang gerät. Diesem nun viel zu langbrennweitigen Grundobjektiv wird jedoch ein verkleinernd wirkender Vorsatz nach der Art des umgekehrten Galilei'schen Fernrohres vorgesetzt, um die Kombination insgesamt wieder zu einem Weitwinkel werden zu lassen [Vgl. Dietzsch, Eberhard: Die Entwicklungsgeschichte der Retrofokusobjektive vom Typ Flektogon; in: Jenaer Jahrbuch zur Technik- und Industriegeschichte, Bd. 4, 2002, S. 110f]. Dieser Vorsatz selbst wird als brennweitenlos bezeichnet, das heißt die einfallenden Lichtbüschel verlassen ihn weitgehend parallel.

Dieser Vorsatz führt nämlich dazu, daß lediglich die Äquivalentbrennweite des Gesamtsystems um den Betrag Δf' verkürzt wird, die lange Schnittweite des Grundobjektivs aber in ihrer Größe unangetastet bleibt. Und mit einer verkleinerten Äquivalentbrennweite werden eben auch die Motiveinzelheiten dementsprechend kleiner abgebildet. Für den gleichzeitig anwachsenden Bildwinkel sind wieder große Durchmesser der Vorsatzes und eine aufwendige Bildfehlerkorrektur vonnöten.

Diesen Weg hatte erstmals Wilbur. B. Rayton mit seinem am 10. März 1932 für die Firma Bausch & Lomb angemeldeten US-Patent Nr. 1.934.561 beschritten. Er setzte einem Grundobjektiv A von 32 mm Brennweite einen brennweitenlosen Vorsatz B vor, der aus den Linsen D und C gebildet wurde, und erhielt daraufhin ein Weitwinkelobjektiv von 25 mm Gesamtbrennweite. Die Lichtstärke veränderte sich hingegen nur unmaßgeblich. Wichtig war aber, daß das Licht schräg genug einfallen konnte, um nicht nur die Brennweite zu verkürzen, sondern auch den für das Bildformat nötigen Bildwinkel zu gewährleisten. Deshalb mußte der Frontlinse ein ausreichend großer Durchmesser mitgegeben werden.
Dieses Prinzip, dem fest eingebauten Objektiv einer Kamera ein Galilei'sches Fernrohr vorzusetzen, um eine vergrößerte Abbildung zu erhalten, oder aber ein umgekehrtes Galilei'sches Fernrohr für eine verkleinerte Wiedergabe des Motivs, das wurde in den 50er Jahren gern bei Schmalfilmkameras eingesetzt bevor sich Varioobjektive allgemein durchsetzen konnten. Vorsatz-Konverter und frühe Zoomobjektive arbeiteten quasi nach genau demselben Verfahren, nur daß bei letzteren der Abbildungsfaktor stufenlos verstellbar ausgelegt war. Oben sind einige Weitwinkel-Vorsatzsysteme für Schmalfilmkameras aus den 50er und 60er Jahren zu sehen. Das fest eingebaute Schneider Xenoplan oder Rodenstock Ronar beispielsweise einer Bauer 88, das ein Curtar oder Ronagon 1:0,5 vorgesetzt bekam, das wurde dadurch im Prinzip in ein Retrofokus-Weitwinkel des zweiten Typs verwandelt.

In der Praxis verschwammen diese beiden Bauformen des Retrofokus natürlich ineinander. Immer wenn die Brechkraft des zerstreuenden Elementes erhöht wurde, um es näher an das Grundobjektiv heranzuführen und damit die Baulänge des Objektivs zu verkürzen, dann wurde vor diesem Grundobjektiv eine weitere positive Komponente benötigt, um die nun übermäßige Wirkung der negativen Komponente weder auszugleichen. In Abschnitt 2.8 wird mit dem Nikkor 2/28 mm aber ein Beispiel gezeigt, wo man wirklich von einem afokalen verkleinernden Fernrohr "in Reinstform" sprechen kann, das vor das vierlinsige Grundobjektiv geschaltet wurde.
1.3 Retrofokus Weitwinkel als High-Tech
Die Tatsache aber, daß jene beiden prinzipiellen Lösungsmöglichkeiten für ein Retrofokus-Objektiv also bereits in den 1930er Jahren gefunden und auch praktisch angewandt worden waren, darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß damit gerade mal ein Grundstein gelegt worden war, auf dem tatsächlich erst nach 1945 sukzessive die neue Objektivgattung der Retrofokus-Weitwinkel errichtet wurde. Dabei ist eine eindeutige Dominanz des ersten Typus der Retrofokus-Bauweise zu verzeichnen, die aber in ihrer "Reinform", das heißt mit dem einzelnen, weit vor das Grundobjektiv gesetzten schwach zerstreuenden Meniskus, nur so lange dominiert, wie die im Kleinbild lange Zeit üblichen 35 mm Brennweite, die ja gerade einmal ein Überschreiten einer bescheidenen 60-Grad-Marke bedeuten, noch als weitwinklig genug akzeptiert wurden.

Schon in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre ist ein Streben unter den Spitzenherstellern nach Bildwinkeln über 80 Grad erkennbar (siehe Vergleich oben). Das verlangte, die Brechkraft des zerstreuenden Vorsatzes immer stärker ins Negative zu treiben, um denselben näher an das Grundobjektiv heranrücken und gleichzeitig seinen Durchmesser in erträglichen Grenzen halten zu können. Mit dieser praktisch unumgänglichen Maßnahme handelten sich die Konstrukteure nun aber eine dermaßen exorbitante Zunahme der Abbildungsfehler ein, daß nur tiefgreifende theoretische Untersuchungen des Korrekturverhaltens sowie der Einsatz neuester binärer Rechentechnik zur Optimierung gewährleisteten, qualitativ hochwertige Weitwinkelobjektive in kompakter Bauweise und zu bezahlbaren Preisen zu erzeugen. Firmen, die bei diesem Wandel der Konstruktionsgrundsätze offensichtliche Schwächen zeigten, mithalten zu können, wie beispielsweise der bereits erwähnte Pionier der Retrofokus-Objektive Angénieux, wurden angesichts der stürmischen Weiterentwicklung der Konkurrenzerzeugnisse bald rigoros ins Abseits gedrängt.

Bei der Entwicklung des Flektogons 4/20 kam den Konstrukteuren um Wolf Dannberg die Idee, den großen Luftraum zwischen der zerstreuenden Gruppe und dem Grundobjektiv durch ein Kittglied auszufüllen, das selbst kaum Brechkraft hatte, aber half, den Strahlengang einzuschnüren und damit die Frontkomponente im Durchmesser verkleinern zu können. Mit der Kittfläche konnte zudem der Farblängsfehler deutlich reduziert werden. Solche dicken Glaskörper finden sich später auch bei vielen anderen Konstruktionen an dieser Stelle wieder.
Weil jetzt die starken Brechkräfte der vorgesetzten Zerstreuungslinsen immer größere Beträge an Bildfehlern in das Gesamtsystem einbrachten, die im nachfolgenden Grundobjektiv nicht mehr vollständig ausgeglichen werden konnten, ist in der Folgezeit ein deutlicher Trend dahin erkennbar, in den verbleibenden Luftzwischenraum sammelnde Komponenten einzufügen, die meist nur sehr geringe Brechkraft, aber dafür teils erhebliche Mittendicken aufzuweisen hatten. Interessant ist dabei, anhand der umfangreichen Patentliteratur zu verfolgen, wie sich die Objektivhersteller zunächst mit individuellen Lösungen in das "Terra incognita" vorwagten und wie sich andererseits bald allgemeine Lösungsansätze herausbildeten, die dazu führten, daß sich die Aufbauten solcher Retrofokusobjektive nach und nach immer mehr einander annäherten. Dieser Aufsatz will deshalb einen Blick in die technikgeschichtlich bedeutsame Pionierzeit dieses besonderen Objektivtyps werfen – also auf die ersten 25 Jahre bis etwa 1975. Und weil die zugehörige Patentliteratur schon bald recht große Ausmaße annahm, sollen hier nur die wichtigsten Hersteller mit den prägnantesten Beispielen herausgegriffen werden. Bewußt ausgespart wurden zudem die beiden Objektivbauanstalten Carl Zeiss Jena und Meyer-Optik Görlitz, da die Objektive dieser beiden Firmen auf unserer Seite bereits in aller Ausführlichkeit in entsprechenden Einzelaufsätzen behandelt wurden. Auf sie wird im Folgenden aber mehrfach verwiesen.

Doch zunächst zum Abschluß dieser knappen Einleitung oben beispielhaft das Schnittbild eines mit dem Erscheinungsjahr 1974 deutlich späteren, bereits sehr hoch entwickelten Retrofokus-Weitwinkelobjektives Leitz Elmarit-R 2,8/24 mm, bei dem die schon angesprochenen Merkmale noch einmal zum Ausdruck kommen. Gut zu sehen die weit hinter das optische System verlagerte bildseitige Hauptebene H'. Auf diese Weise konnte trotz der kurzen Brennweite der bei Kleinbildspiegelreflexkameras nötige Luftraum von etwa 37 mm eingehalten werden. Dazu war im vorderen Systemteil eine stark zerstreuende Komponente notwendig, die aus Gründen der Bildfehlerbeherrschung auf zwei einzelne negative Menisken aufgeteilt werden mußte. Nicht im Bild zu sehen ist, daß dieses ursprünglich von Minolta entwickelte Objektiv einen automatischen Korrektionsausgleich besitzt, der vorgesehen werden mußte, um das hohe Maß an Bildleistung dieses Spitzenobjektives auch im Nahbereich aufrecht zu erhalten (mehr dazu im Abschnitt 7 und im Abschnitt 8). Nach etwas mehr als zwei Jahrzehnten teils stürmischer Entwicklungsarbeit hatten damit die Retrofokus-Weitwinkel bereits Anfang der 70er Jahre einen technischen Stand erreicht, der die Grenzen des Machbaren auslotete und den sich die Pioniere der 30er und 40er Jahre so nicht erträumt hatten.

Harry Zöllner, der langjährige Leiter des Photo-Rechenbüros bei Zeiss Jena und einer der wichtigsten Protagonisten bei der Entwicklung des Retrofokus-Weitwinkels, erklärt den grundsätzlichen Aufbaus dieses speziellen Objektivtyps.
2. Versuch einer Technikgeschichte der Retrofokus-Weitwinkel anhand der Patentliteratur
2.1 Lithagon und Ennalyt: Retrofokus-Pioniere aus München
Johann ("Hans") Lautenbacher ist heute leider ein vergessener Objektivkonstrukteur. Dabei gehört er neben Kollegen wie Rudolf Solisch, Hubert Ulbrich, Günter Klemt, Walter Wöltche, Franz Schlege und Günther Lange zur ersten Generation deutscher Objektivkonstrukteure, die nach dem Zweiten Weltkrieg im schwierigen Metier der Retrofokus-Weitwinkelobjektive frühe Lösungen erarbeiten konnten.

Denn die Marktposition einer Weltfirma steht und fällt mit ihrem Fachpersonal. Dabei ist der Optikkonstrukteur für eine Objektivbauanstalt in etwa das, was der Emulsionär für eine Filmfabrik ist: Eine Mischung aus einem ungewöhnlich begabten Talent, das über lange Zeit hinweg das nötige Erfahrungswissen erworben hat und das trotzdem neugierig genug ist, um immer wieder frisch aufkeimenden Konstruktionsideen nachzugehen. Um so bezeichnender ist es, daß ausgerechnet das ehrlich gesagt recht unbedeutende Enna-Werk in der Geschichte des Retrofokus-Weitwinkels eine derart herausragende Rolle einnimmt. Das ist aber eindeutig mit der Person Hans Lautenbacher verknüpft. Dieser kam offenbar 1953 vom Agfa Kamerawerk, wo er zusammen mit Theodor Brendel das Color-Solinar geschaffen hatte, zur Optischen Anstalt des Werner Appelt in München. Hier sorgte er binnen kurzer Zeit für einen beachtlichen Technologieschub für das kleine Werk.

Dabei war der Ausgangspunkt für die Entwicklung dieser Retrofokus-Technologie zunächst der einfachst mögliche: Einem als unverkittetes Triplet aufgebauten Grundobjektiv wurde ein zerstreuender Meniskus vorgesetzt. Aufgrund der beschränkten Lichtstärke und einer geschickten Abstufung der Dispersionzahlen der eingesetzten Gläser erreichte dieses erste Lithagon 4,5/35 mm eine erstaunlich gute Bildleistung. Im gesamten sichtbaren Lichtwellenbereich zwischen 434 und 656 Nanometer konnte eine chromatische sowie eine sphärische, komatische und astigmatische Korrektur gewährleistet werden. Wie man aus dem Deutschen Bundesgebrauchsmuster Nr. 1.667.235 vom September 1953 herauslesen kann, beruhte dieser Erfolg auch darauf, daß für die Linse Nummer 2 hochbrechendes Lanthan-Flint LAF3 zum Einsatz kam. Auf der gleichen Basis wurde anschließend ein Lithagon 3,5/35 mm entwickelt, doch war damit der Ansatz mit einem einfachen Triplet als Grundobjektiv bereits überreizt.

Das mit seinen vier Linsen recht simpel aufgebaute Lithagon 3,5/35 mm an einer King Regula automatic; eine Meßsucherkamera mit Hinterlinsen-Zentralverschluß. Bild: Morinaka.

Um den Verlust an Bildleistung wieder einzufangen und gleichzeitig neues Potential für eine weitere Steigerung der Lichtstärke zu schaffen, entwickelte Hans Lautenbacher mit seinem Bundespatent Nr. 1.102.435 vom 19. Februar 1955 ein deutlich komplexer aufgebautes Retrofokus-Weitwinkel. Nicht nur daß das Grundobjektiv nun als Tessartyp aufgebaut wurde, sondern eine zusätzlich zwischen diesem Grundobjektiv und dem Vorsatzmeniskus eingefügte Sammellinse sorgte dafür, daß der große Luftabstand verkürzt und damit insbesondere die für Farbaufnahmen problematische Vignettierung verringert werden konnte. Das nach diesem Patent aufgebaute Lithagon 2,8/35 mm blieb für viele Jahre im Angebot der Enna-Werke – größere Stückzahlen wurden aber offenbar nicht erreicht. Das wird unter anderem daran gelegen haben, daß die oben bereits angesprochene Linse L2 aus dem hochbrechenden Lanthanflintglas LAF2 bestand. Auch für die anderen Linsen des Grundobjektives fanden ausgesprochen schwere Kron- und Flintgläser Verwendung (L3: Schwerstkron SSK10, L6: Lanthan-Kron LAK9), die das Objektiv auch in der Herstellung stark verteuerten.


Aus der Patentschrift zum Lithagon 2,8/35 mm kann man entnehmen, daß die Baulänge der Optik 5% und die Schnittweite knapp 1 % länger ist als die Brennweite. Daraus kann man schon sehen, daß die reale Brennweite des Gesamtobjektivs zwischen etwa 36 und 37 mm liegen muß, um einen Luftraum hinter dem Objektiv zu bekommen, der dann wirklich lang genug ist, damit das Objektiv an alle Kleinbild-Reflexkameras passt.

Gina Lollobrigida bei Werbeaufnahmen mit einer Edixa und dem Enna Lithagon 2,8/35. Bild: Ivo Bulanda

Genau ein Jahr später am 13. Februar 1956 folgte das nächste Patent Nr. DE1.100.313, mit dem Lautenbacher einen zweigleisigen Ansatz einschlug: Eine Erhöhung des Bildwinkels und damit eine weitere Verkürzung der Brennweite verlangte, daß die bildseitige Schnittweite entsprechend prozentual verlängert werden mußte. Lautenbacher hatte dazu zwischen der frontseitigen Zerstreuungslinse und dem Systemhauptteil ein Element eingefügt, das dem Frontteil seine konkave Seite zuwendet. Neben der Verlängerung der Schnittweite erleichterte diese dünne Sammellinse auch die astigmatische Ebnung des Bildfeldes und verringerte zudem den Helligkeitsabfall zum Bildrand hin. Diese Neuerung war zum einen die Grundlage für das Ultra-Lithagon 3,5/28 mm, mit dem es Lautenbacher gelang, den Bildwinkel auf 75 Grad auszudehnen und die Schnittweite auf 126 Prozent der Brennweite zu verlängern.


Dieses Ultra-Lithagon 3,5/28 mm war für seine Zeit schon eine bemerkenswerte Konstruktion. Die Baulänge ist ungefähr 9 mm kürzer als die des Angénieux Retrofokus 3,5/28 (siehe Abschnitt 2.4). Faszinierend ist auch, daß dieses Retrofokus tatsächlich wenig vignettiert. Man sieht gut, wie der Richtung Blende gekrümmte sammelnde Meniskus hinter der großen Zerstreuungslinse insbesondere die schräg einfallenden Randstrahlen in das Grundobjektiv lenkt. Der Lichtverlust Richtung Bildecken beträgt daher bei voller Öffnung weniger als eine Blendenstufe. Die Kurve der Verzeichnung erreicht einen Maximalwert von 1,58 Prozent, was ebenfalls recht gut ist. Bei einer realen Brennweite von 28,04 mm werden exakt 75 Grad über die Bildecken des Kleinbildformates erreicht. Wahrscheinlich ist die reale Brennweite jedoch 5...7 % länger, da 35,3 mm Schnittweite kaum für übliche Spiegelreflexkameras genügen. Alle obigen Maßangaben wären dann mit diesem Faktor zu multiplizieren.
Lautenbacher gibt in dem oben genannten Patent aber auch noch ein zweites Ausführungsbeispiel seiner Erfindung an. Bei einer Beschränkung des Bildwinkels auf etwa 65 Grad konnte die Objektivöffnung weiter angehoben werden: Basierend auf demselben Grundaufbau entwickelte er das Super-Lithagon 2,5/35 mm, das für die damalige Zeit als ausgesprochen lichtstark bezeichnet werden muß. Im Gegensatz zur Version mit 28 mm Brennweite kamen bei diesem Objektiv wieder sehr schwere Lanthan Gläser zur Anwendung. In der Linse Nummer 3 war das neuartiges Lanthan-Flint LaF2, in Linse Nummer 4 Lanthan-Thorium-Schwerstkron SSK10.
Doch damit noch nicht genug für Herrn Lautenbacher. Im September 1958 ließ er sich sogar eine Linsenanordnung patentieren, mit der er ein Retrofokus-Weitwinkel schuf, das in der Lichtstärke zu dem aufschließen konnte, was die damals üblichen Normalobjektive leisteten [DBP Nr. 1.102.435]. Das Super-Lithagon 1,9/35 mm mit seinen vielen einzeln stehenden Linsen aus niedrig dispergierenden Gläsern war seiner Zeit deutlich voraus. Leider lag es wohl auch außerhalb des Preisbereiches, für den das Enna-Werk seine Marktlücke gefunden hatte, weshalb die Stückzahlen nicht sehr hoch waren. Auch die damals noch einschichtige Vergütung dürfte bei 16 Glas-Luft-Grenzflächen wohl zu Problemen im praktischen Einsatz geführt haben.

Die negative Brechkraft der Frontgruppe ist bei diesem Super-Lithagon 1,9/35 mm erstmals auf zwei zerstreuende Menisken aufgeteilt, die wie bei den vorigen Objektiven aus dem besonders gering dispergierenden Phosphat-Kron PK2 bestehen. Linse 8 und 9 sind dagegen aus hochbrechendem Lanthan-Kron LAK9 gefertigt.
.jpg?etag=%221e2efa-641765de%22&sourceContentType=image%2Fjpeg&ignoreAspectRatio&resize=704%2B707&quality=85)
In der Folgezeit ging die Weiterentwicklung in Bezug auf die Retrofokus-Typen bei Enna in eine gänzlich andere Richtung. Statt einer Erhöhung der Lichtstärke forcierte Lautenbacher nun gezielt eine Ausweitung des Bildwinkels auf über 80 Grad. Mit dem Lithagon (später Ennalyt) 4/24 mm war er im September 1960 in ein Gebiet vorgedrungen, das bislang nur von den allerbesten Objektivbaufirmen betreten worden war. Neben einem Angénieux R61 3,5/24 mm hatte der in den Westen geflohene Zeissianer Rudolf Solisch im November 1956 ein 4/24 mm zum Patent angemeldet, das kurze Zeit später von ISCO in Göttingen als Westrogon auf den Markt gebracht wurde. Im Frühjahr 1960 folgte schließlich ein Flektogon 4/25, mit dem es Carl Zeiss Jena gelungen war, den Bildwinkel auf über 80 Grad auszudehnen. Wolf Dannberg hatte zwischenzeitlich die von Solisch aufgelassene Lücke gefüllt. Erst im Laufe der 60er Jahre war es auch anderen Firmen vergönnt, in diese Gefilde vorzustoßen. Zeiss Oberkochen folgte 1961 mit dem lichtstarken Distagon 2,8/25 mm und mit der heute beinah vergessenen Firma Topcon betrat alsbald auch die japanische Photoindustrie diesen Spitzensektor.

An diesem Ennalyt fällt die im Vergleich zu den genannten Konkurrenten ausgesprochene Kompaktheit auf. Das liegt auch an der vergleichsweise kleinen Frontlinse. Man erkennt aus dem in der Patentschrift Nr. DE1.228.820 angegeben Linsenschnittbild, daß Hans Lautenbacher seinen bereits für das Ultra-Litagon 3,5/28 mm erarbeiteten Ansatz weiter ausgebaut hatte. Wieder gibt es die charakteristische Sammellinse (M), die zwischen der negativen Frontgruppe (F) und dem Grundobjektiv (H) eingefügt ist und die ihre konkave Seite in Richtung der Frontgruppe weist. Dieser zerstreuende Teil des Retrofokus ist nun auf zwei Linsen aufgeteilt. Neu ist auch die große Mittendicke des zerstreuenden Elements im Triplet-Grundobjektiv.
So sensationell ein solches Superweitwinkelobjektiv damals auch gewesen sein mag, so enttäuscht ist man heute von der Bildleistung dieses frühen Modells. Die Schärfe ist selbst abgeblendet außerhalb der Bildmitte unzureichend. Außerdem vignettiert es außerordentlich stark. Für Farbfilm war das eigentlich unzumutbar. Der Blick auf die in der Patentschrift angegebenen recht moderaten Glassorten erinnert uns, daß wir uns, was diese Konstruktion betrifft, im Jahr 1960 befinden. Auch der Preis dieses Enna-Objektives sollte wohl deutlich unter demjenigen der schier unerschwinglichen Modelle von Angénieux und ISCO bleiben.
Trotzdem blieb dieses Ennalyt 24 mm recht lange im Angebot, später sogar mit Automatikblende und Kunststofffassung. Es ließ sich wohl preiswert genug herstellen, um mit fernöstlichen Erzeugnissen konkurrieren zu können. Für den angepeilten Kundenkreis mit ihren 9x13-Abzügen war die zweitklassige Bildleistung wohl ohnehin nebenrangig.
Die oben zu sehende Version des Ennalyt 4/24 ist natürlich nicht authentisch. Ich habe aus Ersatzteilen angefertigt. Aber man erkennt deutlich, wie kompakt dieses Ennalyt doch gebaut ist, daß es sogar harmonisch an eine Sucherkamera mit Hinterlinsenverschluß gepaßt hätte.
2.2 Deutsche Retrofokus-Pioniere Teil 2: Schneider und ISCO
Wenn man sich mit Patentschriften beschäftigt, dann kann man manchmal Informationen aus ihnen herauslesen, die deutlich über den reinen Erfindungsgegenstand hinausgehen, der da eigentlich beschrieben wird. So habe ich beispielsweise herausgefunden, daß Rudolf Solisch, der Errechner des Flektogon 2,8/35, Mitte der 50er Jahre ganz offenbar in die Bundesrepublik geflohen ist und wohl auch die Idee für einen neuen Typus des Weitwinkelobjektivs gleich im Gepäck miführte. Sind von ihm noch aus dem Frühjahr 1955 Jenaer Patentanmeldungen überliefert, so bildete sein im November 1956 für die Göttinger Firma ISCO angemeldetes Patent Nr. DE 1.063.826 unmittelbar die Grundlage für deren Westrogon 4/24 mm. An dieser Stelle sei gleich erwähnt, daß von Beginn an der Hersteller ISCO eng an die Mutterfirma Schneider in Kreuznach gebunden war und sich daher auch die Produktentwicklungen immer wieder kreuzten.
Das Exemplar oben und der Linsenschnitt unten zeigen es deutlich: Weil man mit den damaligen Glassorten Schwierigkeiten hatte, die ausreichende Stärke der negativen Brechkräfte zu erreichen, wurde die Frontgruppe sehr groß im Durchmesser. Was man auch sieht: Das Grundobjektiv basiert auf dem Biometartyp. Den hat also Solisch offenbar gleich mit zu ISCO und damit zu Schneider "entführt". Tatsächlich wurde von Schneider ein Biometar-Aufbau bereits im März 1952 patentiert [DE1.015.620].

Aus weiteren Patentanmeldungen Solischs erfährt man, daß dieser spätestens ab 1959 mit einem Konstrukteur namens Walter Wöltche zusammengearbeitet hat. Aus dieser Zeit stammen die bekannten Teleobjektive dieser Firma, die zum Beispiel unter dem Namen Iscaron auf dem Markt erschienen. Auch die als Iscorama bekannt gewordenen Anamorphoten stammen aus dieser Phase und es wurden sogar Vario-Objektive für Schmalfilmkameras patentiert. In der Folgezeit erscheinen dann die zahlreichen Patente des Gespanns Solisch/Wöltche unter dem Firmennamen Schneider Kreuznach. Aus dieser fruchtbaren Phase sind auch solche weltbekannten Objektive wie das Xenon 1:0,95 für den Kinefilm hervorgegangen [DE1.249.555 vom 20. April 1963]. Um 1965 muß Rudolf Solisch aber verstorben sein, denn bereits 1963 angemeldete Patente, die in der zweiten Hälfte der 60er Jahre bekannt gemacht wurden, weisen diesen Umstand so aus.
.jpg?etag=%2238600c-65bb70e3%22&sourceContentType=image%2Fjpeg&ignoreAspectRatio&resize=1022%2B707&quality=85)
Also fährt Walter Wöltche mit seiner Arbeit alleine fort und schafft dabei insbesondere im so interessanten Metier der Retrofokus-Konstruktionen einige bemerkenswerte Meilensteine, von denen ich hier zwei herausgreifen möchte. Zum einen ist dies das PA-Curtagon 4/35 mm von Schneider Bad Kreuznach. "PA" steht dabei für perspektivischer Ausgleich. Durch ein Verschieben des Objektivkörpers parallel zur optischen Achse können Gegenstände außerhalb des eigentlichen Bildfeldes abgebildet werden, ohne daß die Kamera beispielsweise gekippt werden muß. Diese aus der Großformatphotographie altbekannte Vorgehensweise verhindert die ansonsten unvermeidlichen "stürzenden Linien" – ein unästhetisches Zusammenlaufen eigentlich paralleler Kanten des Motivs. Heute nennt man diesen Korrekturvorgang allgemein "shiften".
Um diese Möglichkeit der Parallelverschiebung der optischen Achse für das Arbeitsgerät der einäugigen Kleinbildspiegelreflexkamera zu erschließen, mußte ein dafür brauchbares Objektiv gleich dreierlei nur schwer in Einklang zu bringende Forderungen erfüllen: Erstens sollte ein solches Objektiv an sich schon die Wirkung eines Weitwinkels aufweisen, da es sich hier ja hauptsächlich um Einsatzfälle in der Architekturphotographie dreht, wo der Aufnahmeabstand stets begrenzt ist. Zweitens mußte dieser Bildwinkel aber darüber hinaus noch einmal deutlich größer sein, da ein Verschieben des ganzen Objektives natürlich einen ausreichend großen Bildkreis erfordert. Drittens mußte dieses Objektiv zu allem Unglück auch noch eine ganz besonders lange Schnittweite bieten, damit die Verschiebung der vorderen Objektivfassung in Einklang mit den meist zu engen Durchmessern der Kameraanschlußstücke zu bringen sei. Diese Voraussetzungen allesamt zugleich zu erfüllen, das war damals in den 60er Jahren ein schwieriges Unterfangen.

Beinah hat es nun den Anschein, als sei dieses PA-Curtagon nur ein Beiprodukt größerer Arbeiten Wöltches an Retrofokusobjektiven gewesen, denn es taucht nur als zweites Zahlenbeispiel in einer Offenlegungsschrift "Photographisches oder kinematographisches Weitwinkelobjektiv mit langer bildseitiger Schnittweite" auf. In Deutschland hat es diese Patentanmeldung [Nr. DE1.447.270 vom 30. Mai 1964] offensichtlich nie zu einer Erteilung geschafft, wohl aber in Frankreich [FR1.433.922 vom 18. Mai 1965]. Geeignet für die Verwendung als Shiftobjektiv war dieses Erfindungsbeispiel insbesondere durch den gedrungenen Aufbau, der den Lichtverlust zum Rande hin begrenzte sowie aufgrund der großen Schnittweite von über 130% der Brennweite. Die moderate Lichtstärke von 1:4,0 genügte für den vorgesehenen Anwendungszweck hingegen vollkommen. Die Offenlegungsschrift läßt erkennen, daß für das Jahr 1964 ziemlich hochbrechende Glassorten Verwendung fanden.
.jpg?etag=%22314b68-65bb6f88%22&sourceContentType=image%2Fjpeg&ignoreAspectRatio&resize=1015%2B854&quality=85)

Statt eines für das 24x36-Format notwendigen Bildkreises von von 43,3 mm zeichnete das PA-Curtagon einen solchen von 57 mm Durchmesser aus, wodurch sich das Objektiv in alle Richtungen um 7 mm verschieben ließ. Bei dieser vollen Verschiebung werden dem Objektiv statt 65 Grad Bildwinkel (oben lila Strahlenbüschel) mehr als 78 Grad (grüne Büschel) abverlangt. Die lange bildseitige Schnittweite von 45,6 mm sorgt dafür, daß diese Verschiebung des ganzen optischen Systems innerhalb des Bajonett-Anschlußstücks mechanisch problemlos möglich ist.


Die oben zusammengestellten Leistungsdaten des PA-Curtagon lassen erkennen, daß der Hersteller im Grunde genommen ein Abblenden auf den Wert 1:8 vom Anwender erwartet, wenn der volle Bildkreis des Objektives genutzt werden soll. Dann erhalten auch die Bildecken mit einem Lichtabfall von etwa ⅓ Blendenwert ausreichend Licht, um beispielsweise gute Farbaufnahmen zu erzielen. Es verwundert schon ein wenig, daß dieses sehr frühe Shift-Objektiv letztlich so lange im Herstellungsprogramm der Firma Schneider verblieb. Denn diese 35 mm Brennweite und eine Verschiebung von maximal 7 mm brachte in der Praxis nur einen sehr bescheidenen Zuwachs an Bildfläche. Die wirklichen Nöte des Architekturphotographen in Bezug auf den Zwang zum Ankippen der optischen Achse bei hohen Gebäuden ließen sich mit einem solchen Objektiv noch nicht völlig ausmerzen. Das gelang erst mit extremen Shift-Konstruktionen, die Bildwinkel weit über 100 Grad liefern konnten.
Das Schneider PA-Curtagon war in der Fassung für für Leicaflex bzw. Leica R so lange im Angebot, daß es sogar noch in einem Sonderheft des Fotomagazins aus dem Jahre 1995 auftaucht, in dem alle damals erhältlichen Leica R-Objektive getestet wurden. Man beachte, daß die Kurven für die Schärfe und Brillanz für eine Bildhöhe von 28 mm abgetragen sind, also über den vollen Bildkreis des Objektives hinweg. Für eine damals bereits 30 Jahre alte Objektivkonstruktion waren das nach wie vor ganz erstaunlich gute Werte.
In seiner oben angesprochenen Offenlegungsschrift, die das PA-Curtagon enthielt, hatte Walter Wöltche in einem Ausführungsbeispiel Nummer 3 bereits eine Lösungsmöglichkeit für ein Retrofokusobjektiv etwa mit den Daten 2,8/25 mm angegeben. Schneider Kreuznach zielte ganz offensichtlich darauf ab, ein Pendant zum Oberkochener Distagon 2,8/25 mm auf den Markt bringen. Diesen ersten Ansatz nahm Wöltche daher in einer Patentanmeldung vom 22. Oktober 1966 wieder auf, von der wiederum nur eine Offenlegungsschrift [Nr. DE1.497.596] erhalten geblieben ist. Man muß also davon ausgehen, daß auch in diesem Falle zumindest in der Bundesrepublik kein Patentschutz erreicht werden konnte (wohl aber in den USA [US3.512.874] und in Frankreich [FR83.412]). Aus diesen Arbeiten ging ein Superweitwinkel hervor, das im Sektor der Retrofokus-Konstruktionen ein bisher nicht gekanntes Qualitätsniveau einführte: Das Super-Angulon-R 4/21 mm für die Leicaflex SL.

Mit diesem Superweitwinkelobjektiv war Walter Wöltche nur drei Jahre nach dem Flektogon 4/20 mm von Dannberg/Dietzsch zu den absoluten Spitzenkonstrukteuren im deutschen Objektivbau der Nachkriegszeit aufgestiegen. Meine Faszination für diese Retrofokusobjektive, wie ich sich sicherlich nicht verbergen kann, rührt schließlich daher, daß auf diesem Gebiete nach 1945 wirklich noch einmal völliges Neuland betreten werden konnte. Und die Anforderungen, die das Errechnen dieser hochkomplexen Systeme an den Konstrukteur stellte, erreichten ein bis dahin nicht gekanntes Ausmaß. Vergleichbar ist dieses Gebiet allenfalls mit den zu ebenjener Zeit aufkommenden Varioobjektiven für Film und Fernsehen. Und es kommt nicht von ungefähr, daß es gerade die Objektivbauanstalt in Kreuznach gewesen ist, die auch auf diesem Neuland eine führende Rolle einnehmen konnte. Diese Tatsache zeugt davon, daß man hier insbesondere die aufkommende digitale Rechentechnik im Griff hatte und äußerst fruchtbar zur Optimierung der komplexen Systeme einzusetzen vermochte.

Charakteristisch bei diesem Super-Angulon sind natürlich die beiden mittleren Kittglieder B und C mit ihren großen Mittendicken und der plattenartigen Formgebung. Dem Patent zufolge trägt insbesondere die sammelnd wirkende Verbundfläche in der dritten Gruppe C zur Beherrschung der sphärischen Aberration und der Koma bei. Interessant ist, daß mit Ausnahme der Linse Nummer 7 nur niedrig dispergierende Glassorten bzw. solche zum Einsatz kamen, die mit ny-Werten knapp über 45 zwischen Flint und Kron changieren. Extreme Gläser, wie Lanthanflinte oder Lanthankrone, die in den 70er Jahren in der Bundesrepublik und in Japan zunehmend verwendet wurden, finden sich hier allerdings noch nicht. Trotzdem geriet dieses ab Jahresende 1968 für die neue Leicaflex SL gelieferte Super-Angulon-R 4/21 mit fast 1000,- D-Mark nicht ganz billig. Es sollte nicht weniger als ein Vierteljahrhundert lang im Leitz'schen Lieferprogramm bleiben.

Am Super-Angulon 4/21 mm fasziniert, wie es Wöltche geschafft hat, daß das mit voller Hauptstrahlneigung von über 45 Grad einfallende Büschel fast denselben Durchmesser aufweist wie das entlang der Achse einfallende. Die Vignettierung ist daher auch bei offener Blende erstaunlich gering. Die wellenförmige Verzeichnung erreicht im Bereich kurz vor den seitlichen Bildrändern einen Maximalwert von 2,4 Prozent, was für ein derart asymmetrisch aufgebautes Superweitwinkel auch heute noch gut ist.
Auch dieses Super-Angulon 4/21 verblieb derart lange im Angebot, daß es noch im oben bereits erwähnten Test aus dem Jahre 1995 auftaucht. Von den Kontrastwerten in den Bildecken abgesehen, lag die Abbildungsleistung nach wie vor auf hohem Niveau. Völlig unzeitgemäß war allerdings die im Vergleich zur Lichtstärke ausgesprochen voluminöse Bauweise, die eigentlich bereits in den 1970er Jahren als überholt angesehen werden mußte, wie der unten zu sehende 1:1 Vergleich mit einem Olympus Zuiko 3,5/21 mm zeigt, das auch nach heutigen Maßstäben noch als sehr kompakt bezeichnet werden kann.
Noch einmal zurück zur Firma Schneider in den 1950er Jahren. Hier gab es mit den Herren Günter Klemt und Karl Macher quasi noch ein zweites Konstruktionsteam der Spitzenklasse. Sie entwickelten unter anderem Tronniers Xenon weiter, schufen die als Auswechselglieder ausgelegten Weitwinkel- und Teleobjektive für die Kodak Retina-Kameras und legten vor allem auch den Grundstein für das sehr erfolgreiche Programm der Schneider'schen Varioobjektive für Schmalfilm- und Fernsehkameras. Günter Klemt muß zudem als Vater der Super-Angulone genannt werden, die als symmetrische Weitwinkelobjektive das Großformat revolutioniert haben [DE985.637 vom 1. September 1954].

Als große Leistungs Klemts ist aber auch das oben gezeigte Curtagon 4/28 mm anzusehen. Es kam im Jahre 1959 für die Kodak Retina Reflex III auf den Markt, die anstatt der bisherigen Auswechselglieder nun auf vor den Zentralverschluß gesetzte und in ihrer Gesamtheit auswechselbare Objektive umgerüstet worden war. Dazu hatten mehrere westdeutsche Kamerahersteller ein von der Firma Deckel erarbeitetes Wechselbajonett übernommen und jeweils nur geringfügig modifiziert. Wenig bekannt dürfte aber sein, daß die Konstruktion dieses kurzbrennweitigsten Objektives für dieses Zentralverschluß-Bajonett deutlich älter ist als die zugehörigen Kameras. Sie wurde nämlich im Deutschen Bundespatent Nr. 1.014.752 vom 5. Juli 1955 geschützt – das war nur drei Jahre nach dem Angénieux Retrofocus R11 3,5/28 mm (siehe Abschnitt 5). Äußerlich fällt aber sofort auf, daß das Curtagon ungleich kompakter als das Modell aus Paris ausgeführt ist.

In dieser Patentschrift zum Curtagon 4/28 mm stechen die für damalige Verhältnisse außergewöhnlich hochbrechenden Glassorten hervor. Allein die Linse Nummer 4 ist gezielt als sammelnd wirkender Meniskus aus dem sehr niedrig brechenden und auch niedrig dispergierenden Fluor-Kron FK1 aufgebaut, mit dem die Ebnung des Bildfeldes erreicht wurde (Schutzanspruch 1). Dieses Korrekturverfahren hatte Klemt bereits im Curtagon 2,8/35 mm angewandt, auf das er sich in seinem Patent zum Curtagon 4/28 mm auch indirekt bezieht, weshalb man davon ausgehen kann, daß es ebenfalls von ihm stammt. Als Neuerung ist nun jedoch das letzte Glied als eine Kittgruppe ausgelegt, die aus zwei hochbrechenden Gläsern mit fast gleicher Brechzahl, aber erheblich voneinander abweichenden Farbzerstreuungen zusammengesetzt ist. Die resultierende Kittfläche nutzte Klemt für die Komakorrektur (Schutzanspruch 2), die angesichts des großen Bildwinkels des Objektives entsprechend sorgfältig durchgefürt werden mußte. Mit diesen beiden Maßnahmen hatte Klemt ein angesichts des frühen Konstruktionsjahres sehr hochwertiges Weitwinkelobjektiv geschaffen, das nach dem Ende der Zentralverschluß-Spiegelreflexkameras noch lange Zeit als Wechselobjektiv für Schlitzverschlußkameras im Programm blieb.

Verlauf der Strahlenbüschel durch das Schneider Curtagon 4/28 mm. Gut zu sehen die weit nach hinten verschobene bildseitige Hauptebene H'. Die Schnittweite ist 30 Prozent länger als die Brennweite.

Für das Curtagon 2,8/35 mm gibt es (mindestens) zwei Linsenschnitte. Offensichtlich wurde später die Rücklinse des Grundobjektivs auf zwei einzelne Sammellinsen aufgespaltet. Gemeinsam ist beiden Versionen die ins Triplet-Grundobjektiv eingefügte Linse Nummer 3, die als stark durchbogener Meniskus aus niedrig brechendem Glas ausgeführt ist und mit der Klemt die Bildschalen ebnete. Sie findet sich auch in etwas weniger stark gebogener Form beim Curtagon 4/28 mm wieder.

Die Hintergründe zu den zwei verschiedenen Achsenschnittbildern für das Curtagon 2,8/35 mm kann ich mittlerweile aufklären: Zum 12. September 1962 hatte Karl Macher eine Verbesserung des bisherigen Typs zum Patent angemeldet, doch in der Bundesrepublik erfolgte offenbar nie eine Zuerkennung. Deshalb zeugt davon nur das oben wiedergegebene US-Patent Nr. 3.318.653 vom 18. Juli 1963. Aus der Patentschrift geht hervor, daß neben einer Verbesserung der Farbquerkoma, die die Bildleistung in den Ecken sehr herabsetzte, auch die merkliche Verzeichnung des bisherigen Typs verringert werden sollte. Mit dem neuen Schwerstkronglas LaK10 in der Rücklinse war dieser Sechslinser sehr aufwendig gebaut.


Noch vor dem Curtagon 2,8/35 wurde speziell für die ("den") Robot Royal 36 ein Xenogon 2,8/35 mm geschaffen, über dessen Aufbau nur bekannt ist, daß er aus 7 Linsen in 5 Gruppen besteht. Es handelt sich um ein Retrofokus mit einer sehr großen Frontlinse. Diese Bauform war nötig, weil Robot-Kameras zwar Sucherkameras sind, sie aber mit einem Rotationsverschluß arbeiten, der weit vor der Bildebene abläuft. Dadurch liegen quasi dieselben Prämissen vor wie beim Hinterlinsen-Zentralverschluß. Das Objektiv ist ungewöhnlich groß und durch seine massive Messingfassung auch sehr schwer. Es sollte nicht mit einem gleichnamigen Weitwinkelobjektiv verwechselt werden, das Schneider für das Leica-Gewinde herstellte.

Und dann müssen wir an dieser Stelle noch von einem weiteren Spitzenkonstrukteur bei Schneider Kreuznach sprechen namens Wolfram W. Albrecht, von dem die Fachwelt leider kaum Notiz genommen zu haben scheint. Seine Arbeiten sind dennoch hochbedeutend – nicht nur weil er derjenige war, der bei Schneider den Produktbereich der Cinegone geschaffen hat, sondern weil diese Entwicklungen so außerordentlich früh stattgefunden haben. Denn wir sprechen hier vom 21. Juni 1950 [DBP. Nr. 927.540]. Das war dasselbe Jahr, in dem Herr Angénieux sein Patent angemeldet hat. Zeiss Jena hatte sein Flektogon 2,8/12,5 mm entwickelt, das es dem VEB Zeiss Ikon ermöglichte, eine 16-mm-Spiegelreflexkamera mit unter dem Bildfenster positionierter Mattscheibe zu schaffen. Die Firma Arnold & Richter in München verzichtete jedoch zu genau demselben Zeitpunkt auf diese Retrofokus-Technologie und verlegte bei ihrer Arriflex 16 die Mattscheibe sehr aufwendig ans Okular. Daß man sich in München nicht auf den VEB Zeiss Jena verlassen wollte, erscheint plausibel. Aber wir können an dieser Stelle sagen, daß Wolfram Albrecht zeitgleich ein Cinegon 1,9/11,5 entwickelt hatte, das mit seinen 15 mm Schnittweite an jede 16-mm-Schmalfilmkamera paßte.

Auch ein Cinegon 2/20 für den Kino-Normalfilm gab es auf dieser Basis. Und für den Doppelacht-Film wurde ein Cinegon 1,9/6,5 mm geschaffen. Sie differieren untereinander vom Grundaufbau her gesehen nur in der Position der Blende. Wir haben es mit einem Grundobjektiv in klassischer Ernostar-Bauweise zu tun. Es hat beim Cinegon 1,9/6,5 mm eine Brennweite von ungefähr 12,8 mm und eine Schnittweite von 8,5 mm. Diesem hat Albrecht ein afokales, verkleinernd wirkendes System vorgeschaltet, das aus einer zerstreuend und einer sammelnd wirkenden Komponente besteht, die beide durch einen sehr großen Luftabstand voneinander getrennt sind. Das wirkt sich in einer sehr großen Baulänge der Optik aus, die fast 7 mal so groß ist wie die Brennweite. Insbesondere bei der 16-mm-Variante 1,9/11,5 mm führt das zu einer sehr langen Objektivfassung. Die beiden Komponenten sind wiederum als Achromate ausgeführt, die auf klassische Weise aus aus Flint- und Kronglas zusammengesetzt sind. Die Bildqualität war erstaunlich gut. Die Verzeichnung war mit fast 3,7 Prozent in den Bildecken für den Schmalfilm hinnehmbar.


Achsenschnittbild sowie die Kurven der sphärischen Aberration, des Astigmatismus sowie der meridionalen Koma für einen Bildwinkel von 16 Grad, der Patentschrift entnommen.

Die Entwicklung schritt in den 1950er Jahren schnell voran. Im Oktober 1957 schob Wolfgang Albrecht mit dem Bundespatent Nr. 1.086.452 ein verbessertes Cinegon nach, mit dem er die Lichtstärke geringfügig auf 1:1,8 anheben konnte. Für Doppelacht-Kameras konnte die Brennweite auf 5,5 mm herabgesetzt werden, für das 16-mm-Format auf 10 mm.

Dieses neue Cinegon war mit einem Faktor von 7,05 * f sogar noch länger als das vorhergehende. Vom Konstruktionsansatz eines vor ein Grundobjektiv gesetzten afokalen Fernrohres war Albrecht aber abgegangen. Die negative Komponente war in einen schwach und einen stark brechenden Teil aufgespaltet. Das Grundobjektiv war aus drei sammelnden Komponenten zusammengesetzt. Dessen etwas seltsam anmutenden Aufbau hatte Albrecht offenbar aus einem älteren Zeiss-Patent für ein Okular abgeleitet. Er erreichte damit, daß trotz der sehr großen Baulänge der Optik und trotz des großen Bildwinkels von 64 Grad das Cinegon 1,8/10 mm nur sehr gering vignettierte. Zweitens war die Schnittweite fast doppelt so lang wie die Brennweite, sodaß dieses Objektiv an jeden Typ an 16-mm-Kamera passte.

Dieses Cinegon 1,8/10 mm deckte offenbar auch das etwas größere Format der 1-Zoll-Videoröhren ab (16 mm Bildkreis statt 12,8 mm). Für diese Anwendungen in der elektronischen Bildverarbeitung war der quasi bildseitig telezentrische Strahlengang vorteilhaft (auch die mit größter Hauptstrahlneigung einfallenden Büschel treffen fast senkrecht auf den Lichtempfänger auf). Es blieb daher viele Jahre im Lieferprogramm des Herstellers.
2.3 Retrofokus-Pioniere Teil 3: Zeiss West und die Distagone
In Heidenheim bzw. Oberkochen beginnt die Ära der Retrofokusobjektive im Sommer 1953 mit einem Distagon 5,6/60 mm für die Hasselblad 1000F Mittelformat-Spiegelreflexkamera. Das diesbezügliche Bundespatent Nr. 947.750 war am 9. Juli 1953 von Günther Lange angemeldet worden. Dieses Distagon erreichte bei einer tatsächlichen Brennweite von 59,5 mm eine Schnittweite von 66,3 mm, also über 111% der Brennweite.


Daß man sich bei Zeiss West freilich noch ganz am Anfang der Entwicklungstätigkeit im Bereich Retrofokus-Objektive befand, zeigt sich daran, daß mit einem maximalen Öffnungsverhältnis von 1:5,6 von vornherein nur ein sehr bescheidener Wert angepeilt wurde. Schaut man sich das Schnittbild zu diesem Objektiv an, dann erkennt man, daß es sich im Grunde genommen lediglich um ein Triplet-Gundobjektiv mit einem vorgesetzten zerstreuenden Meniskus handelt, wie man es von etlichen Kleinbild-Weitwinkeln aus dieser Zeit mit etwa den Daten 4,5/35 her kennt. Zur besseren Bildfehlerkorrektur, wie sie für das Mittelformat nötig war, sind lediglich die beiden hinteren Glieder des Triplets als Kittgruppen ausgeführt. Trotzdem war die Leistung dieses Weitwinkels außerhalb des unmittelbaren Bildzentrums noch ziemlich bescheiden, wie die Kurven der Kontrastübertragung unten belegen.


Günther Lange und Helmut Eismann entwickelten diesen Ansatz im darauffolgenden Jahr weiter [DBP Nr. 1.072.403 17. April 1954]., indem sie bei dem weiterhin aus vier Gliedern bestehenden Objektiv allesamt eine Meniskenform gaben, deren Hohlflächen der Blende zugekehrt waren. Charakteristisch für die neue Bauform war die große Dicke der vorderen Zersteuugnslinse und ihr vergleichweise kurzer Abstand zum Grundobjektiv. Vorbild war das in der Einleitung schon gezeigte Retrofokusobjektiv von Kingslake und Stevens. Durch Einsatz deutlich höher brechender Glasarten (vor allem des neuen Lanthan-Flint LaF2) konnte die Lichtstärke von 1:5,6 auf 1:3,5 angehoben werden. In Produktion ging das Objektiv in dieser Form aber nicht.

Erst knapp vier Jahre später, nachdem die Hasselblad 500 C auf den Markt gekommen war, wurde die oben gezeigte Konstruktion weiterentwickelt [Bundespatent Nr. 1.063.767 vom 27. Februar 1958] und als neues Distagon 5,6/60 in einer Fassung mit Zentralverschluß herausgebracht. Für das Kleinbild wurde daraus ein Distagon 4/35 mm für die neue Spitzenkamera Contarex abgeleitet. Wenn man die Vorstufe von 1954 (oben) und das Serienobjektiv von 1958 (unten) miteinander vergleicht, dann sieht man, daß nun die vordere Zerstreuungslinse als Kittglied aus zwei Linsen ausgelegt war und das unmittelbar hinter der Blende stehende Glied aus drei Linsen zusammengesetzt, um die chromatischen Fehler beheben zu können. Für die hinterste Linse kam LaK9 zum Einsatz. Der Bildwinkel lag bei 64 Grad und die Schnittweite erreichte 116 Prozent der Brennweite.

Bei diesem Distagon 4/35 mm handelt es sich um ein hoch auskorrigiertes Weitwinkelobjektiv. Die Behebung der Bildfehler übertrifft das Flektogon 2,8/35 aus der DDR, was freilich angesichts der geringeren Lichtstärke kaum verwundert. Durch den gedrängten Aufbau konnte die Frontlinse für die damalige Zeit sehr klein im Durchmesser gehalten werden, was jedoch eine massive Vignettierung Richtung Bildecken zu Folge hatte. Eigentlich hätte der Durchmesser des vorderen Objektivteils deutlich größer sein müssen, doch dann wäre von der guten Bildfehlerkorrektur nichts mehr übrig geblieben. Der normalerweise bei Retrofokusobjektiven auffällig große Luftraum zwischen zerstreuendem Vorsatz und dem Grundobjektiv ist bei diesem Distagon durch einen sehr dicken sammelnden Meniskus ausgefüllt. Dieses Grundobjektiv ist somit aus drei Teilen zusammengesetzt, die allesamt sammelnde Wirkung aufweisen.

Auch die zu großen Anteilen aus Messing bestehende Fassung überragt alles, was seinerzeit von anderen Herstellern geboten wurde. Als Folge der durchdachten Grundkonstruktion der Contarex, bei der die Einstellung der Blende ein Bestandteil der Kamera ist, konnte die zirkular angesteuerte Blendenautomatik funktionell sehr einfach gehalten werden. Trotzdem wurde die Mechanik aufwendig kugelgelagert. Leider war das gesamte Contarex-System aufgrund einer Zeiss-Ikon-typischen Überkonstruktion völlig überteuert und damit am Photomarkt ohne großen Erfolg. An diesem Dilemma konnte auch das oben gezeigte vereinfachte Modell der Contarex ohne Belichtungsmesser letztlich nichts mehr ändern.
.jpg?etag=%223ec34c-605a269f%22&sourceContentType=image%2Fjpeg&ignoreAspectRatio&resize=1008%2B687&quality=85)
Geschlossen wegen Vandalismus. Bahnhof Berlin Schönefeld. Das Distagon 4/35 an der Contarex, Blende 5,6. Die Verzeichnung überschreitet an den horizontalen Bildrändern 2 Prozent der Bildhöhe. Das ist ungefähr an der Grenze zu dem, was noch nicht auffällt.

Eismann und Lange war mit dem Distagon 4/35 mm ein sehr kompaktes Objektiv gelungen, dessen Optik so kurz gebaut war wie der Wert der Brennweite. In der Patentschrift sind die Linsendurchmesser zu klein angegeben, was zu einer hohen Vignettierung führen würde. Im realen Objektiv sind die Durchmesser allerdings so groß, daß für die Bildecken das Öffnungsverhältnis etwa 1:5,5 beträgt. Das war für die damalige Zeit schon sehr gut und brachte Vorteile vor allem bei der Farbphotographie. Das war natürlich nur möglich durch die bescheidene Anfangsöffnung dieses Objektivs. Vor diesem Hintergrund muß noch einmal gewürdigt werden, wie weit Hans Lautenbacher bei Enna seiner Zeit bereits voraus war. Und man muß leider auch konstatieren, daß Zeiss West in den 50er Jahren nicht unbedingt zur Spitze des internationalen Objektivbaus zu zählen war. Das sollte sich erst durch die Arbeiten Erhard Glatzels ändern.

Ich möchte ich hier verzichten, irgendwelche selbsterstellten MTF-Kurven zu veröffentlichen, denn man kann da sehr viel falsch machen. Allein die Frage danach, wo man die Bildebene definiert, ist eine Wissenschaft für sich. Schon im Bildzentrum kommt man zu verschiedenen Ergebnissen, je nachdem ob die Blende weit offen ist oder man leicht abblendet. Hier würde man den vom Patent vorgeschlagenen Wert von 1,1613 Prozent der Brennweite nehmen, der etwa 40,87 mm entspricht. Den günstigsten Kurvenverlauf bekommt man aber, wenn zwischen Bildmitte und Ecke vermittelt wird auf etwa s' = 40,8 mm. Bei Zeiss wurde daher zwischen einer Gaußischen Brennweite (Nullbrennweite) und einer vermittelten (kalibrierten) Brennweite unterschieden und beide würden zum Teil deutlich unterschiedliche Kurvenverläufe ergeben, die nur noch der Fachmann richtig zu deuten weiß. Es kommt noch hinzu, daß das oben Gezeigte nur für die gelbe d-Linie gilt, auf die sich die Konstruktionsdaten des Objektivs beziehen. Für weißes Licht muß noch zwischen den einzelnen Spektralbereichen gewichtet werden. Ich bin daher immer skeptisch, wenn auf anderen Webseiten Kurven veröffentlicht werden, die das Optikrechenprogramm ausspuckt.
Einen großen Schub für die Entwicklung der Photoobjektive für Heidenheim und Oberkochen brachte zweifellos der Konstrukteur Erhard Glatzel (1925 - 2002). Dieser späterhin noch so dominierende Fachmann tat sich wohl im Jahre 1959 erstmals mit einer größeren Entwicklungsarbeit hervor, die nun ausgerechnet in dem komplexen Metier der Retrofokusweitwinkel angesiedelt war. Aber neben den Varioobjektiven stellten die Retrofokustypen damals eben noch weitgehend Neuland dar, auf dem man sich mit wertvoller Grundlagenarbeit eine Reputation erarbeiten konnte. So verwundert auch nicht, daß sein Patent Nr. DE1.187.393 vom 25. November 1959 erst einmal mit einer langen Abhandlung darüber beginnt, auf welche zwei grundlegende Weisen man solche Weitwinkelobjektive mit verlängerter Schnittweite überhaupt realisieren könne. Seine Darlegungen decken sich dabei im Prinzip mit den Ausführungen, die auch sein Zeitgenosse Eberhard Dietzsch einige Jahre später zu Papier gebracht hat [Vgl. Dietzsch, Eberhard: Die Entwicklungsgeschichte der Retrofokusobjektive vom Typ Flektogon; aus: Jenaer Jahrbuch zur Technik- und Industriegeschichte, Bd. 4, 2002]: Man kann entweder einem gegebenen Grundobjektiv ein vergleichsweise gering zerstreuendes Glied vorsetzen, dessen Einfluß auf die Bildfehler dann im beherrschbaren Rahmen bleibt. Allerdings setzt dies voraus, daß diese negative Brechkraft weit vor dem Grundobjektiv placiert wird, was zu einer sehr ausladenden Bauweise führt. Will man das negative Glied aber näher an das Grundobjektiv heranrücken, um Platz zu sparen, so muß man ihm eine sehr stark zerstreuende Wirkung geben, was nur schwer beherrschbare Folgen auf die Bildfehler nach sich zieht. Zu dem stark negativen Glied hätte dann zusätzlich ein weiteres positives eingefügt werden müssen, das dann aber die Wirkung des negativen Anteiles sogleich wieder weitgehend aufgehoben hätte. Glatzel hatte einen Ausweg aus dieser Sackgasse gefunden, indem er das auf das zerstreuende Vorderglied folgende sammelnde Glied nur schwach positiv auslegte, die notwendige starke positive Brechkraft aber auf die Bildseite des Systems verlegte, also hinter der Blende. Der Beweggrund für diese Erfindung läßt sich zwischen den Zeilen seines Patentes herauslesen: Es ging in erster Linie darum, ein möglichst schlankes Retrofokus-Weitwinkel zu entwickeln, denn je kürzer ein solches gebaut werden kann, um so kleiner kann auch der Durchmesser der Frontgruppe gehalten werden.
Bild: Dirk Bonnmann
.jpg?etag=%22240161-6091b727%22&sourceContentType=image%2Fjpeg&ignoreAspectRatio&resize=547%2B781&quality=85)
In dieser Prämisse verbirgt sich der unzweideutige Hinweis darauf, wofür dieses Weitwinkelobjektiv gedacht war. Eine Weitwinkel-Rolleiflex verlangte aufgrund ihres Spiegels im Sucher nach einer Retrofokuskonstruktion; gleichzeitig war aber wegen der unmittelbaren Nachbarschaft der beiden Objektive der maximale Durchmesser auf ein sehr kleines Maß beschränkt. Nur ein möglichst gedrängter Aufbau konnte die Einhaltung der für das zweiäugige Reflexprinzip nötigen Abstände des Aufnahme- und Sucherobjektivs gewährleisten. Allerdings ermöglichten die drei in diesem Patent angegebenen Beispiele nur Bildwinkel von knapp über 60 Grad. Um die Anschaffung einer eigens für die Weitwinkelphotographie gedachten Rolleiflex zu rechtfertigen, mußte der Bildwinkel freilich die 70-Grad-Marke überschreiten. Knapp zwei Jahre später meldete Glatzel daher ein Zusatzpatent an, mit dem er diese Forderung erfüllen konnte [DE1.220.164 vom 3. Oktober 1961]. Die weitere Verkleinerung von Baulänge und Durchmesser bei einer gleichzeitigen Steigerung des Bildwinkels auf bis zu 72 Grad erreichte Glatzel, indem er die schwach positive Komponente hinter dem zerstreuenden Vorsatz in ihrer Dicke stark ausweitete und damit die Ausdehnung des Luftraumes gleichzeitig weiter verkleinerte. Entstanden war das Distagon 4/55 mm mit 71 Grad Bildwinkel, das in der recht kurzlebigen Weitwinkel-Rolleiflex zum Einsatz kam.


Da bei der zweiäugigen Rolleiflex zwar ein Spiegel den Sucherstrahlengang umknickt, derselbe jedoch nicht hochklappt, mußte die Schnittweite nicht ganz so lang gemacht werden wie bei der Hasselblad. Der Bildwinkel konnte auf über 70 Grad angehoben werde und die erhöhten Durchmesser der Front- und Rückelemente verbesserte die Randausleuchtung des Bildfeldes erheblich. Die Auflösung feiner Details war gut, doch die Kurven für die groben Bildstrukturen lassen erkennen, daß der Kontrast auch bei Abblendung mäßig blieb.

Im Sektor dieser Retrofokus-Weitwinkel scheint Erhard Glatzel nun fast so etwas wie eine Lebensaufgabe gefunden zu haben. Jedenfalls wird er in den nächsten Jahrzehnten einer der profiliertesten Experten auf diesem Gebiet werden und sehr wertvolle Konstruktionen hervorbringen, die nur dadurch etwas im Schatten stehen, weil ab 1970 die westdeutsche Kameraindustrie durch ihre verfehlte Modellpoltik in Windeseile vom Tableau gefegt wurde. Zeiss Oberkochen verkam daher, was den Bereich der Photoaufnahmeobjektive anbetrifft, in der Folgezeit ein wenig zum Zulieferer für schwedische und japanische Kamerahersteller. Doch gerade hier fand sich eine Lücke im breitgefächerten Photomarkt, wo man sich mit hochpreisigen Spitzenobjektiven weiterhin über Wasser halten konnte, weshalb die Objektivabteilung des Zeisskonzerns – anders als zuvor die Kamerasparte in Form von Zeiss Ikon/Voigtländer – nicht ebenso unaufhaltsam in den Abgrund schlitterte.

Essentiell für die nächsten Schritte war Glatzels Bundespatent Nr. 1.250.153 vom 15. Februar 1962. Es war als Weiterentwicklung seines oben bereits angesprochenen Hauptpatentes Nr. 1.187.393 von 1959 anzusehen. Durch Hinzufügen eines weiteren streuenden Meniskus konnte zugleich der Bildwinkel und die Schnittweite deutlich angehoben werden. Dem Hauptpatent folgend waren den beiden Zerstreuungslinsen jeweils ein bikonvexes Sammelglied nachgeschaltet, dessen Dicke zur Ebnung des Bildfeldes größer ausgelegt wurde als die Tiefe des Blendenraumes.

Auf dieser im Patent DE1.250.153 geschützten Entwicklung fußend wurden zwei in den 60er und 70er Jahren sehr fortschrittliche Retrofokus-Weitwinkelobjektive von Zeiss Oberkochen aufgebaut. Zum einen war dies das oben zu sehende Distagon 2,8/25 mm, mit dem Glatzel das Überschreiten der Bildwinkelgrenze von 80 Grad für die Contarex-Kleinbildspiegelreflex erreichen konnte. Das hatten zwar andere Hersteller schon einige Jahre zuvor geschafft, aber die hohe Lichtstärke war für längere Zeit konkurrenzlos.

An diesem Distagon 2,8/25 mm fasziniert, daß Glatzel mit Glasarten auskam, die bereits in den 1930er Jahren zur Verfügung standen. Kein Lanthan, kein Thorium. Er hatte viel Wert auf Verringerung der Vignettierung gelegt. Der Lichtabfall Richtung Bildränder betrug bei offener Blende nur reichlich einen Blendenwert. Die Verzeichnung erreichte kurz vor den Bildecken einen Maximalwert von 2,18 Prozent, was angesichts des großen Bildwinkels als gering zu bezeichnen ist.

Auf derselben Basis wurde auch ein Distagon 4/50 mm für Mittelformatkameras des Formates 6x6 entwickelt, das lange Jahre sehr erfolgreich für Hasselblad- und Rollei-Spiegelreflexkameras im Angebot blieb. Es zeichnete sich durch seine schlanke Bauform und für damalige Verhältnisse sehr gute Bildqualität aus. Das Objektiv mit seinen 14 Glas-Luft-Grenzflächen profitierte stark, als später die Mehrschichtvergütung eingeführt wurde.



Beim Distagon 4/50 mm wurden diejenigen Linsen, die beim Distagon 2,8/25 mm aus dem älteren SK16 bestanden, durch neues Lanthan-Kron LaK9 ersetzt. Dafür kam das dicke bikonvexe Element vor der Blende hier ohne Kittfläche aus. Beim Serienobjektiv müssen entweder die Glasdicken deutlich reduziert worden sein oder im Datenblatt gibt es einen Druckfehler, denn dort wird die Baulänge der Optik nur mit 91,7 mm angegeben.
Oben: Speziell mit der Firma Franke & Heidecke gab es eine Übereinkunft, Objektive von Zeiss in Lizenz fertigen zu dürfen, um Kosten zu sparen. Der eigentliche Hintergrund dafür dürfte wohl darin gelegen haben, daß nicht nur Rollei in Braunschweig angesiedelt war, sondern auch die Firma Voigtländer, die seit Mitte der 50er eine Zeiss-Tochter gewesen ist. Voigtländer zählte seinerseits zu den traditionsreichsten Objektivherstellern Deutschlands. Schon in den 60er Jahren wurden hier Objektive unter dem Markenzeichen Carl Zeiss gefertigt, obwohl es eigentlich Braunschweiger Entwicklungen gewesen sind (siehe Abschnitt 6). Es ist auch nicht auszuschließen, daß aus den Voigtländer-Werken Linsensätze kamen, die dann sowohl von Zeiss als auch von Rollei genutzt und nur noch in eigenen Fassungen eingebaut wurden. Über die wahren Hintergründe hielt man sich bei Zeiss aber stets sehr bedeckt.

Anders als bei Zeiss Jena, wo unter Wolf Dannberg für die Praktisix ein eigenständiges Flektogon 4/50 mm entwickelt worden war, fällt bei Zeiss Oberkochen die Parallelität von Kleinbild und Mittelformat auf: Das Distagon 4/35 mm für das Kleinbild hatte seine Entsprechung als Distagon 5,6/60 mm im Mittelformat und aus den Entwicklungsarbeiten zum Distagon 2,8/25 mm ging auch das Distagon 4/50 mm hervor. Diese Verfahrensweise wurde fortgesetzt, als Glatzel Mitte der 60er Jahre daran arbeitete, den Bildwinkel eines Retrofokus-Objektives erstmals auf 100 Grad auszudehnen. Ergebnis dieser Anstrengung war ein Distagon 4/18 mm, das für die Contarex angeboten wurde [Bild oben: Pablo Benitez]. Die Stückzahlen waren bis zur Einstellung dieses Kamerasystems allerdings sehr gering. Erst im Zuge der Kooperation Zeiss Oberkochens mit der japanischen Firma Yashica kann man in den 70er Jahren von einer echten Serienfertigung sprechen.
Von diesem Konstruktionsansatz wurde nun wiederum ein Mittelformat-Objektiv abgeleitet, das bei einer etwas verringerten Bildwinkelausnutzung von 88 Grad die Abdeckung des 6x6-Formates gestattete: Das Distagon 4/40 mm. War das Distagon 4/18 noch als erstaunlich kompakt zu bezeichnen, so zog die mehr als doppelt so lange Brennweite der Mittelformat-Variante nun eine auffallend große Baulänge und aufgrund der großen Glasmassen auch ein beträchtliches Gewicht nach sich.
Doch sowohl die Hasselblad 500, als auch die neue Rolleiflex SL66, für die das neue Superweitwinkel gedacht war, wurden schon allein wegen der hohen Anschaffungskosten ohnehin hauptsächlich von Berufsphotographen genutzt. Für dieses Klientel waren aber Preis und Größe eines Objektivs nicht das primäre Kriterium. Viel ausschlaggebender war dagegen, daß dieses Distagon 4/40 mm beispielsweise erstmals weitwinklige Außen- und Innenarchitektur-Aufnahmen mit voller Mattscheibenkontrolle erlaubte, ohne dazu komplizierte Fachkameras verwenden zu müssen. Man muß sich vor Augen führen, welch eine Arbeitserleichterung es für einen Photographen seinerzeit bedeutete, einen derartigen Auftrag mit seiner schnappschußtauglichen Hasselblad erledigen zu können und dem Kunden am Ende trotzdem hochwertige Aufnahmen ohne stürzende Linien abzuliefern. Dazu trug auch bei, daß das Distagon 4/40 mm nur eine sehr leicht wellenförmige Verzeichnung aufwies, die unter einem Prozent der Bildhöhe blieb. Das lag durchaus auf dem Niveau symmetrisch gebauter Weitwinkelobjektive für das Großformat.
Erst folgender Umstand erinnert allerdings wieder an die Nachteile, die eine derart extrem asymmetrische Bauweise eines Weitwinkelobjektivs mit sich brachte: Zumindest bei der Variante für die Hasselblad mußte erst eine Sperre überwunden werden, um kürzere Nahdistanzen als 1 Meter einstellen zu können. Das sollte daran erinnern, daß in diesem Fall das Objektiv im Prinzip nur noch stark abgeblendet zu gebrauchen war. Die Ursache lag darin, daß sich bei Retrofokus-Weitwinkelobjektiven mit größer werdendem Abbildungsmaßstab das Bildfeld stark zu wölben begann und diese Erscheinung zu allem Übel die meridionale und die sagittale Schale auch noch in unterschiedlichem Ausmaß betraf. Diese auseinanderlaufenden Bildschalen hatten zur Folge, daß ein gut korrigierter Anastigmat im Nahbereich plötzlich auf das Niveau eines einfachen aplanatischen Objektives auf dem Stand des 19. Jahrhunderts herabsank.

Auch Erhard Glatzel hatte erkannt, daß das bloße Verändern eines geeigneten Luftzwischenraumes genügte, um diesen Einbruch der Bildleistung wieder zu kompensieren. Bei späteren Prototypen hatte er dafür die vor der Blende stehende dicke Sammellinse in zwei Komponenten aufgespalten, um auf diese Weise einen solchen Luftzwischenraum künstlich zu schaffen, dessen Tiefenänderung für die Kompensation des ausbrechenden Astigmatismus genutzt werden konnte. Doch um dieses Verfahren des automatischen Korrektionsausgleichs, für das sich in der Werbesprache auch in Deutschland bald der Ausdruck "floating elements" durchsetzte, entspann sich in den folgenden Jahren offensichtlich eine große Auseinandersetzung bezüglich der Priorität. Für das Grundprinzip, einen Luftraum zur Korrektur zu ändern, hatte die Firma Nikon zwar in den Jahren 1967 und 1968 Patente in Japan und Deutschland angemeldet, in der Bundesrepublik aber zwei Jahre später nur einen Gebrauchsmusterschutz erhalten, was das Grundprinzip für andere Nutzer nicht gänzlich verbaute. Das aus optischen Gründen besonders praktische Verfahren, eine dicke Linse gezielt aufzuspalten, um dadurch einen entsprechenden Luftzwischenraum erst künstlich zu schaffen, das hatte allerdings der Nikon-Konstrukteur Ikuo Mori in seinem Patent zum Nikkor 4/40 bzw. Nikkor 4/20 für sich gesichert (siehe Aschnitt 7), obgleich er das Verfahren bei den beiden genannten Objektiven gar nicht tatsächlich anwendete. Dieses 1968 in München angemeldete Patent Nr. 1.804.888 wurde allerdings erst zehn Jahre später im Mai 1978 erteilt. Bis dahin ging jede Firma, die dieses "in der Schwebe befindliche" Prinzip dennoch anwendete, eine große Gefahr ein, nachträglich auf hohe Lizenzgebühren verklagt zu werden. Darin mag der Grund zu sehen sein, weshalb einige in den 70er Jahren in Oberkochen entwickelte Retrofokus-Konstruktionen nie in Produktion gingen. Erst ein deutlich späterer Nachfolger Distagon 4/40 CF war dann mit floating elements ("FLE") ausgestattet.

Noch vor den Entwicklungen, die zu den Distagonen 4/18 und 4/40 führten, hatte Glatzel bereits die moderate 35-mm-Brennweite mit ihrem nur knapp die 60-Grad-Marke überschreitenden Bildwinkel auf ein neues Lichtstärke-Niveau gebracht. Das Distagon 2/35 mm von 1965 [Bild unten: Stefan Baumgartner] bot eine Anfangsöffnung, die man damals von einem hochwertigen Normalobjektiv gewohnt war. Vor dem sehr aufwendigen Grundobjektiv wurde die zerstreuende Vorsatz-Komponente auf zwei Einzelelemente aufgespaltet.

Bei diesem Distagon 2/35 mm hat sich Erhard Glatzel zunächst am im Abschnitt 2.1 beschriebenen Enna Super-Lithagon 1,9/35 mm von Johann Lautenbacher orientiert. Das erfahren wir aus der Offenlegungsschrift 1.447.288, die von Glatzels Schutzanmeldung für das Distagon 2/35 mm vom 31. Ami 1963 kündet. Um es vorweg zu nehmen: Der Patentschutz wurde ihm letzten Endes verwehrt. Dabei lag seine Verbesserung in einem Ansatz, der sich mit folgendem Wortlaut in fast allen seinen Patenten finden läßt: "Entspannung der Flächen". Das heißt zu vermeiden, daß man sich mit der übermäßigen Wirkung einer Fläche Bildfehler einhandelt, die sich dann an anderer Stelle kaum wieder beheben lassen. So hatte Lautenbacher vor der Blende drei einzeln stehende Sammellinsen angeordnet, was laut Glatzel dazu führte, daß die Brechkraft der beiden vorgesetzten Zerstreuungslinsen unnötig groß sein mußte, um dann noch auf die erforderliche lange Schnittweite zu gelangen, was sich ungünstig auf die Verzeichnung und die Fehler der schiefen sphärischen Aberration auswirke.

Glatzels Ansatz lag nun darin, möglichst viel positive Brechkraft des Grundobjektives hinter die Blende zu verschieben und auf diese Weise die Wirkung des zerstreuenden Vorsatzes effektiver zu nutzen. Das hat zur Folge, daß der optische Aufbau bis einschließlich Linse fünf insgesamt negative Brechkraft hat und allein das Kittglied zusammen mit den nachfolgenden zwei Sammellinsen dem Gesamtobjektiv sammelnde Wirkung verleihen. Neu war auch die dicke, bikonvexe Sammellinse aus Lanthan-Kron LaK9 als vorderstes Element des sammelnden Objektivteiles, die im serienmäßig produzierten Objektiv sogar eine noch größere Mittendicke hat, als im Patent angegeben. Da alle restlichen mit Schwerkronglas arbeitenden Linsen aus den alten Gläsern SK14 und SK16 bestehen, ist die optische Baulänge des Distagon 2/35 mit über 70 mm beachtlich (Vergleiche dazu im Abschnitt 2.8 das Nikkor 2/35 mm von 1965 mit nur etwa 55 mm Baulänge).

Für das Konstruktionsjahr 1963 war das schon alles sehr beeindruckend. Man kann aber fast schon froh sein, daß sich Contarex-Objektive wegen des fehlenden Blendenrings nicht so leicht an Digitalkameras adaptieren lassen. Denn heutige Nutzer wären wegen der flauen Abbildung bei offener Blende und dem starken Lichtabfall zum Rande hin vermutlich ziemlich enttäuscht.

Zehn Jahre später war es Glatzel mit seinem Distagon 1,4/35 mm gelungen, ein noch viel höheres Niveau zu erklimmen. Dieses Objektiv ist Teil des Bundespatentes Nr. 2.306.346 vom 9. Februar 1973, mit dem er gleich ein ganzes Bündel an Korrektionsmaßnahmen in das Retrofokus-Weitwinkel einführte. Auffällig sind die Linsen 3 und 4, die als Aufspaltung des beim Vorgänger noch vorhandenen sammelnden Einzelelementes in zwei dünne Linsen angesehen werden können. Auf diese Weise erzeugte Glatzel eine "Durchstoßungshöhen-Differenz [...] zwischen den dieses Teilglied passierenden Parallelstrahlen einerseits und den Schrägstrahlen andererseits". Die Linse Nummer 5 fungierte als sogenannte anastigmatische Null-Linse (auch Hoegh'scher Meniskus genannt), um die Bildschalen zu ebnen. Und die Fläche Nummer 11 war asphärisch deformiert, um den Öffnungsfehler zu kompensieren. Das Serienobjektiv hatte außerdem noch einen bildmaßstabsabhängigen Korrekturausgleich ("floating elements") um die hohe Leistung auch im Nahbereich aufrechtzuerhalten. Dieses Objektiv markierte zweifellos die Spitze des internationalen Objektivbaus jener Zeit. Man stellt aber auch fest: Rein vom äußeren Erscheinungsbild hatte sich Glatzel wieder deutlich Lautenbachers Super-Lithagon 1,9/35 mm von 1958 angenähert.

Zum 28. November 1973 folgte mit dem Bundespatent Nr. 2.359.156 noch eine Sicherung von nicht weniger als 21 verschiedenen optischen Aufbauten für lichtstarke Retrofokus-Weitwinkel, die alle gemeinsam haben, daß zur Reduktion der Aberrationen höherer Ordnung in der Frontgruppe eine stark sammelnde Luftlinse eingeschaltet ist mit einem bestimmten Verhältnis der Flächenbrechkräfte zueinander. Beim auf diesem Patent basierenden Distagon 2/28 mm ist das der zweite Luftraum zwischen den Linsen 2 und 3 (Lufträume von der äußeren Form einer Zerstreuungslinse wirken wie eine Sammellinse). Der Zweck lag darin, den zerstreuenden Vorsatz des Retrofokus für parallel zur Achse sowie schräg dazu einfallendes Licht so zu gestalten, daß die Strahlenbündel weitgehend frei von Aberrationen auf den sammelnd wirkenden Objektivteil treffen, um auf diese Weise die Lichtstärke des Retrofokus ohne Zugeständnisse an die Bildleistung anheben zu können. Dazu trug auch bei, daß Glatzel die nötigen Brechkräfte so auf die Optik verteilte, daß er stark angespannte Flächen vermeiden konnte. Auf eine im Patent geschützte Anwendung deformierter Flächen wurde beim Serienobjektiv offenbar verzichtet. Obwohl das Distagon 2/28 mm ziemlich lang gebaut war, fiel die Randabschattung erstaunlich gering aus. Die Verzeichnung erreichte ihren Maximalwert von 2,24 Prozent an den linken und rechten Bildrändern.

In diese Zeit fällt auch die Entwicklung des Distagon 3,5/15 mm (ähnlich Bundespatent Nr. 2.344.224 vom September 1973) sowie der der hochlichtstarken Distagone für den Schmal- und Normalfilm, wie zum Beispiel das Distagon 1,2/9,5 mm. (DBP Nr. 2.512.797). Das Bild oben zeigt aber auch: Erhard Glatzel hatte seinen schöpferischen Höhepunkt gerade zu demjenigen Zeitpunkt erreicht, als die bundesdeutsche Photogeräteindustrie den Bach herunter ging. Zeiss Ikon/Voigtländer hatte es in den 60er Jahren nicht geschafft, konkurrenzfähige Kleinbild-Spiegelreflexkameras im mittleren Marktbereich zu entwickeln (wie beispielsweise die Praktica-L-Reihe aus Dresden), weil man unter anderem nicht vom Zentralverschluß loskam (so ähnlich wie die Deutsche Automobilindustrie heutzutage nicht vom Verbrennungsmotor loskommt). Und die "hauseigene" Schlitzverschluß-Reflexkamera Contarex wurde von den beruflichen Anwendern weitgehend ignoriert. Westdeutsche und Westberliner Photoreporter hatten in den Zeit um 1970 bereits fast alle eine Nikon F. Zeiss West sah sich daher gezwungen, mit japanischen Kameraherstellern zu kooperieren, um ihre Objektive verkaufen zu können. Im Wesentlichen geschah dies auf zwei Wegen: Zum einen wurden nun die Spitzenmodelle des japanischen Kameraherstellers Yashica unter dem alten Markennamen "Contax" auf den Markt gebracht und Zeiss West sozusagen als Hauslieferant für diese Firma am Markt etabliert. Zweitens wurden für einige Jahre Heidenheimer Spitzenkonstruktionen für Asahi Pentax lizenziert, der sie unter eigenem Namen herausbrachte (und wohl auch selber fertigte). Dieser Hersteller hatte sich in den 60er Jahren erfolgreich im Marktsegment des anspruchsvollen Amateurs etabliert und wollte wohl auch diejenigen Käuferkreise ansprechen, die sich nicht mit den kleinen, leichten Objektiven aus dem eigenen Hause zufrieden gaben. Diese Strategie sicherte damals Oberkochen zwar die Existenz als Hersteller von Photooptik – denjenigen Firmen aber, die Kamera- und Objektivbau "unter einem Dach" betrieben, wie Nikon, Canon, Minolta usw., konnte man damit letztlich nicht das Wasser reichen. Das gilt zumindest für das Kleinbild. Im Mittelformat, wo seit den 60er Jahren ganz andere Prämissen vorherrschten, blieb Zeiss Oberkochen noch bis weit in die 1990er Jahre unverzichtbar.
2.4 Angénieux Retrofocus – Pionier der Pioniere
Eigentlich hätte ich diese Seite zur Frühgeschichte des Retrofokus-Weitwinkelobjektivs ja mit dieser französischen Firma beginnen müssen. Und zwar gleich aus zweierlei Gründen: Zum einen fällt dem Optiker Pierre Angénieux unstrittigerweise die Priorität zu, den Begriff "Retrofocus" für diese Objektivbauart eingeführt zu haben, der sich in der Folgezeit als regelrechte Gattungsbezeichnung durchsetzen konnte.

Auf der anderen Seite gilt die Optische Anstalt des Pierre Angénieux als derjenige Hersteller, der 1950 als erster überhaupt ein solches Weitwinkelobjektiv mit verlängerter Schnittweite für die Kleinbildreflex herausgebracht habe. Genau hinter dieser bisherigen Gewißheit würde ich aber ein Fragezeichen setzen wollen, da Rudolf Solisch bereits zum 13. August 1949 die Rechnung für das Flektogon 2,8/3,5 cm fertiggestellt hatte. Für dieses Zeiss-Weitwinkelobjektiv läßt sich zudem nachweisen, daß ab 24. Juli 1950 eine erste Serie von 50 Stück für die Exakta in die Endmontage gelangte [Vgl. Thiele, Fabrikationsbuch Photooptik II, Carl Zeiss Jena]. Eine wirklich nennenswerte Serienfabrikation fand in beiden Häusern zudem erst ab etwa 1953 statt. Man kann also getrost davon ausgehen, daß beide Hersteller in etwa zur selben Zeit mit diesem speziellen Objektivtyp am Markt erschienen.

Die bislang überall behauptete Priorität des Pierre Angénieux in Hinblick auf die Konstruktion eines Weitwinkelobjektivs mit verlängerter Schnittweite erklärt sich auch daher, daß er seine Lösung bereits zum 17. Februar 1950 in Frankreich zum Patent angemeldet hatte [Nr. FR1.013.652], während Zöllner und Solisch die Patentierung des Flektogons 2,8/35 mm erst 1953 nachholten – nachdem das Objektiv durch Einsatz neuer Lanthan-Krongläser vervollkommnet worden war.

Gut ist zu erkennen, wie das Grundobjektiv in der Lösung von Pierre Angénieux zwar wie im Flektogon fünflinsig aufgebaut ist, aber in Form eines erweiterten Tripletts statt einer Gaußtypabwandlung. Erst viele Jahre später stellte sich heraus, daß dies der erfolgversprechendere Ansatz gewesen ist [Vgl. Dietzsch, Retrofousobjektive, 2002, S. 6]. Ansonsten folgen beide Retrofokus-Pioniere demselben Konstruktionsgedanken: Ein zerstreuender Meniskus wird etwa im Abstand der dingseitigen Brennweite vor ein positives Grundobjektiv gestellt (das Patent spricht von einem Abstand von mehr als 50% der Brennweite). Dadurch verlagerte sich die hintere Hauptebene des kurzbrennweitigen Gesamtobjektivs so weit Richtung Bildebene, daß dieses Gesamtobjektiv um genau denselben Betrag von der Bildebene weggerückt werden konnte, ohne daß sich dessen Brennweite verlängerte. Mit dieser Maßnahme ergab sich die gewünschte Verlängerung der Schnittweite, um dem Klappspiegel der Reflexkamera den nötigen Bewegungsspielraum zu verschaffen. Dieses Angénieux Retrofocus R1 2,5/35 mm offenbarte daher im Jahre 1950 angesichts des zu erwartenden Bedeutungsgewinns der Einäugigen Kleinbildspiegelreflexkamera ein hervorragendes Gespür der Pariser Optikanstalt für eine offene Marktlücke.

Oben ein anhand der Angaben im Patent rekonstruiertes Angénieux Retrofocus 2,5/35 mm, wobei die Radien, Abstände und Dicken nicht für 100 mm Gesamtbrennweite verwendet wurden, sondern umgerechnet für 35 mm. Bei einer zwischen Achse und Rand vermittelten realen Brennweite von etwa 35,4 mm (gelbgrünes Licht) ergibt sich eine Schnittweite von etwa 37,6 mm. Die Brennweite des Grundobjektivs allein (also ohne die vorgesetzte Zerstreuungslinse) beträgt etwa 37,1 mm. Die Brennweite der Zerstreuungslinse beträgt etwa -91,6 mm. Sie ist sogar noch einige Millimeter vor dem vorderen Brennpunkt des Grundobjektivs placiert. Die Distorsion ist mit einem Maximalwert von -0,78 % in den Bildecken bemerkenswert gering.
Pierre Angénieux und seine Firma sind auch deshalb als Vorreiter beim Bau von Weitwinkelobjektiven für Kleinbildspiegelreflexkameras so bedeutend, weil sie sehr frühzeitig Vorstöße unternahmen, deutlich größere Bildwinkel zu erreichen, denn im Grunde genommen hatten die knapp über 60 Grad der 35-mm-Objektive ja nur geradeso die Grenze zwischen Normalobjektiv und Weitwinkel überschritten. Dem Angénieux Retrofocus R11 3,5/28 mm mit seinen 75 Grad Bildwinkel hatte daher für einige Jahre kein anderer Hersteller etwas entgegenzusetzen. Schließlich wurde das Patent zu diesem Objektiv bereits am 29. Mai 1952 angemeldet [Zusatzpatent Nr. 62.932 zum Patent Nr. FR1.013.652].

Dabei läßt das Patent erkennen, daß das Angénieux 3,5/28 mm grundsätzlich auf dem vorherigen Angénieux 2,5/35 mm basierte. Die Schwierigkeit bestand aber darin, daß bei einer weiteren Verkürzung der Brennweite nun die Schnittweite prozentual um so stärker verlängert werden mußte. Um dieses Verhältnis der Schnittweite zur Brennweite weiter erhöhen zu können, mußte die Brechkraft der vorgesetzten Zerstreuungslinse deutlich angehoben werden. Dabei konnte laut Patent jedoch ein gewisser Wert nicht überschritten werden, weil ansonsten die Verzeichnung des Bildes ein inakzeptables Ausmaß angenommen hätte. Einen Ausweg, die anwachsende Distorsion wieder einzufangen, hatte Pierre Angénieux darin gefunden, indem er die einzelne Zerstreuungslinse durch ein Paar aus einer Zerstreuungs- und einer Sammellinse ersetzte.

Dieses Angénieux Retrofocus R11 3,5/28 mm war das erste serienmäßig hergestellte Weitwinkelobjektiv, bei dem die bildseitige Hauptebene so extrem hinter das optische System verschoben wurde. Das Grundobjektiv hat ohne den Vorsatz eine Brennweite von etwa 30,5 mm. Der Vorsatz für sich hat trotz der zusätzlichen Sammellinse eine Brennweite von fast -51 mm.

Bild: Derek Leath
Da Pierre Angénieux aber bei diesem 28-mm-Objektiv beim klassischen Konstruktionsprinzip für Retrofokusweitwinkel blieb, bei dem das zerstreuende Glied in etwa im Abstand der dingseitigen Brennweite des Grundobjektivs placiert wird, mußte dieses zerstreuende Glied vergleichsweise weit vorgerückt werden. Das hatte wiederum einen ausgesprochen großen Durchmesser dieser Frontgruppe zur Folge, wie man sie von modernen 28-mm-Objektiven so nicht kennt. Diese großen Glasflächen und die insgesamt zwölf Glas-Luft-Übergänge zogen zudem eine ausgeprägte Streulichtanfälligkeit nach sich, die ein sorgsames Umgehen mit diesem frühen Weitwinkel erforderte. Doch das galt gewissermaßen für alle derartigen Objektive jener Zeit.


Aus der weiteren Patentüberlieferung ist ersichtlich, daß auch die Firma Angénieux erst neue Konstruktionswege finden mußte, um den nächsten Schritt gehen zu können. So brauchte es mehr als fünf Jahre, bis der Pariser Hersteller den Bildwinkel seiner Retrofokus-Weitwinkel auf über 80 Grad ausdehnen konnte. Dies ging in zwei Schritten vonstatten. Vom 23. September 1957 liegt ein französisches Patent Nr. 1.192.221 vor, das dem Angénieux Retrofocus R51 3,5/24 mm zugrundeliegt. Dieser Typ wurde aber offenbar nur kurze Zeit gefertigt, denn bereits zum 9. Oktober 1958 wurde eine Schutzrechtsanmeldung nachgeschoben, die erkennbar eine weitere Verbesserung beinhaltet. Diese bezieht sich mit hoher Wahrscheinlichkeit auf das Angénieux Retrofocus R61 3,5/24 mm, bei dem die einzelne Sammellinse zwischen den beiden zerstreuenden Menisken im vorderen Glied auf zwei dünne Sammellinsen aufgespalten wurde. Das ergab nicht weniger als 16 Glas-Luft-Grenzflächen. Doch eben diese Flächen sind nun einmal das wichtigste Werkzeug des Objektivkonstrukteurs bei seiner Korrekturarbeit.
2.5 Ludwig Bertele: Der Meister der drei Gruppen
Daß das Renommee und die Marktbedeutung einer Objektivbauanstalt stark vom der Expertise ihrer Objektivkonstrukteure abhängt, ist logisch und wurde hier bereits mehrfach gezeigt. Um so mehr gilt das, wenn sich ein Techniktrend gerade erst herausbildet, wie das bei den Retrofokus-Objektiven Anfang der 1950er Jahre der Fall war. Von der Objektivbaufirma Albert Schacht in Ulm war bekannt, daß zumindest einige der Objektive ihres Angebotes vom ehemaligen Chefkonstrukteur der Zeiss Ikon AG Dresden Ludwig Bertele gerechnet wurden – so ein Travenar 2,8/85 bzw. 2,8/90 [DE1.051.527 von 1955] sowie ein Travenar 3,5/135 [DE843.305 von 1949]. Dabei handelte es sich um damals bereits klassische Sonnar- bzw. Ernostar-Konstruktionen und Bertele, der sich mittlerweile in der Schweiz mit einem eigenen Konstruktionsbüro selbständig gemacht hatte, war dafür genau der richtige Mann.

Wenig bekannt ist aber, daß sich Ludwig Bertele auch als Pionier der Retrofokus-Entwicklung hervorgetan hat. Dazu sei daran erinnert, daß er in den 1930er Jahren mit dem Biogon 2,8/35 mm ein Weitwinkelobjektiv geschaffen hatte, das von seinem Sonnartyp abgeleitet war und sich für damalige Verhältnisse durch eine außergewöhnlich hohe Lichtstärke auszeichnete. Dieses Objektiv, dessen Rücklinse fast bis kurz an die Verschlußrollos der Contax Meßsucherkamera reichte, war jedoch für die Spiegelreflexkamera völlig ungeeignet. Da sich die kleine Firma Schacht auf den großen Wachstumsmarkt der Wechselobjektive für Kleinbild-Spiegelreflexkameras begeben hatte, entwickelte Bertele für sie ein passendes Weitwinkelobjektiv, das Travegon 3,5/35 mm R genannt wurde.

Seine Entwicklungsergebnisse hat Bertele am 18. Juni 1954 in der Schweiz zum Patent angemeldet [CH325.890]. Die absolute Besonderheit, die angesichts zu dem bisher hier auf dieser Seite Gezeigten sofort ins Auge sticht, ist der Aufbau dieses Objektives aus lediglich drei Gruppen! Das heißt, beim Travegon war das Grundobjektiv nur zweigliedig aufgebaut, was im Vergleich zur Konkurenz eine alleinstehende Ausnahme ist. Das Travegon ist damit ein Beispiel dafür, wie sich dieser außerordentlich talentierte Objektivkonstrukteur regelrecht zu dem dreigliedrigen Aufbau hingezogen fühlte, der ihm im Zuge seiner Sonnar-Entwicklung einen solch großen Erfolg gebracht hatte und den er anscheinend nur dann verließ, wenn es angesichts der Komplexität der zu lösenden Aufgabe wirklich nicht umgehbar war.


Bei Berteles Travegon geht es recht knapp zu. Wie man sieht, ist die Schnittweite kürzer als die Brennweite, was dazu führt, daß die reale Brennweite des Objektives kaum unter 37 mm gedrückt werden kann, um das Objektiv noch an normale Kleinbildspiegelreflexkameras zu bekommen. Das Patentbeispiel 1 ist in dieser Hinsicht etwas günstiger, aber die vom Hersteller publizierten Achsenschnittbilder deuten darauf hin, daß das Patentbeispiel 2 produziert wurde, bei dem die Kittfläche im mittleren Glied plan ist.
Es soll zwar an dieser Stelle nicht verschwiegen werden, daß Bertele bereits in seinem Travegon-Hauptpatent von 1954 anmerkt, das zweite Glied könne auch in Einzelelemente aufgelöst werden. Auch existiert ein Zusatzpatent Nr. CH333.803 vom 6. Juni 1955, bei dem Bertele gezielt einen Luftraum zwischen den Linsen drei und vier einführt, um eine bessere Behebung der Verzeichnung zu erreichen. Auch die Aufspaltung des vorderen zerstreuenden Gliedes wird hier vorgeschlagen. Doch umgesetzt wurden beide Änderungen nicht – die Serienobjektive sind dreigliedrig.

Das gilt sogar für ein S-Travegon 2,8/35 mm, mit dem Bertele sein Retrofokus-Weitwinkel auf die Lichtstärke seines Biogons 2,8/35 mm von 1936 bringen konnte. Wie aus dem Linsenschnittbild zu erkennen ist, wurde hier vielmehr die mittlere Gruppe noch durch eine zusätzlich aufgekittete Linse erweitert. Und das obwohl in beiden Patenten mehrfach darauf verweisen wird, daß sich durch Vergütung der Linsenoberflächen keine Notwendigkeit zu dieser Verkittung mehr ergebe. Ein Travegon 3,5/28 mm, das aus sechs einzelnstehenden Linsen aufgebaut war, kam offenbar nicht mehr auf den Markt.

Neben der fortschrittlichen optischen Auslegung sollten hier auch einmal die hervorragenden Fassungen dieser Objektive angesprochen werden, die mit den besten Erzeugnissen des damaligen Marktes auf gleichem Niveau lagen. Das ist auch deshalb hervorhebenswert, weil es sich bei der Firma Albert Schacht damals um einen ungleich kleineren und relativ jungen Hersteller gehandelt hat, der sich binnen sehr kurzer Zeit emporgearbeitet hatte. Er wurde jedoch bald zum Opfer der großen Krise der westdeutschen Photoindustrie in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre.
2.6 Rodenstock: Franz Schlegel bringt den Schub
Zu den ältesten optischen Spitzenfirmen in Deutschland zählt die auf das Jahr 1877 zurückgehende Firma Rodenstock in München. Der Objektivbau hat dabei in den letzten 100 Jahren immer eine mal mehr und dann wieder weniger große Rolle gespielt, das eigentliche Hauptgeschäftsfeld waren wohl stets die Brillengläser (und die werden bekanntlich immer gebraucht). Während Rodenstock bis in die jüngste Zeit zu den wenigen Herstellern für hochwertige Großformat-Objektive gezählt hat, gab es in den 1930er und noch einmal 1950er und 60er Jahren Phasen, in denen man durchaus als Massenhersteller von Objektiven für Amateurkameras erfolgreich war. Für die Phase nach dem Zweiten Weltkrieg ist dabei eindeutig Franz Schlegel als treibende Kraft bei Rodenstock auszumachen.
Im Hinblick auf Retrofokus-Weitwinkelsysteme ist Schlegel als ein weiterer unter den großen Pionieren dieses Objektivtyps zu sehen. Dabei fasziniert jedoch, wie weit er sowohl bei den Film- wie bei den Stillbildobjektiven seinen Konkurrenten gleich weit vorauszueilen scheint. Ein Beispiel dafür ist das Rodenstock Heligaron 1,6/6,5 mm, das oben an einer Nizo Heliomatic Reflex als oberstes der drei Objektive am Wechselschlitten zu sehen ist. Dieses außergewöhnlich lichtstarke Objektiv mit einem für das 8-mm-Format außergewöhnlich großen Bildwinkel von über 50 Grad wurde bereits im Bundespatent Nr. 1.070.842 vom 15. Mai 1954 geschützt! Die Schnittweite ist dabei mehr als 1,7 mal so groß wie die Brennweite, was deshalb unumgänglich war, weil bei den Nizo-Reflexkameras nicht nur ein Umlaufverschluß zwischen Objektiv und Bildbühne untergebracht werden mußte, sondern noch das für den Reflexsucher nötige Prisma, das hinter dem Objektiv auf und ab schwingt.


Dieses Heligaron war eine bemerkenswerte Leistung für die erste Hälfte der 50er Jahre. Es fällt die Verwendung extrem hochbrechender Glasarten auf. Die beiden Achromate bestehen aus einer Kombination von Schwerkron SK16 mit Schwerflint SF6, es folgt die dicke Sammellinse aus SK16 und als Abschluß des Systems eine weitere Sammellinse aus dem ganz neuen Lanthan-Kronglas LaK9. Damit war dieses Objektiv wahrhaftes High-Tech jener Zeit. Die im Vergleich zur Brennweite fünfeinhalb mal größere Baulänge war jedoch nur für Schmalfilmkameras akzeptabel.

Um so verblüffter ist man, daß schon wenige Wochen später ein neues Patent folgte, das ein für die damaligen Verhältnisse absolut erstaunliches Retrofokus-Weitwinkel für Kleinbildkameras schützte. Es handelt sich um das Bundespatent Nr. 1.018.238 vom 13. Juli 1954 für ein Objektiv, das dann als Eurygon 2,8/30 mm auf den Markt gebracht worden ist. Ein derart lichtstarkes Objektiv mit einem Bildwinkel, der nicht wie damals üblich die 60-Grad-Marke überschritt, sondern gleich die 70-Grad-Marke, das ist schon bemerkenswert.

Aus dem Patent geht eindeutig hervor, daß diese Retrofokus-Entwicklung, die wir als jenes Eurygon 2,8/30 mm kennen, ursprünglich auf ein Auswechselglied für Kameras hervorgegangen ist, bei denen die Frontkomponente austauschbar war, während ein Rest des Grundobjektivs aber stets in der Kamera verblieb. Dieses Grundobjektiv war demnach ein Triplet mit zwei Sammellinsen aus LaK9 und einer Zerstreuungslinse aus SF2.

Diese Frontlinse des Triplets konnte nun entfernt und durch einen gänzlich neuen Vorsatz ersetzt werden, der sozusagen seine eigene Tripet-Frontlinse besaß. Den eigentlichen vierlinsigen Vorsatz kann man als ein umgekehrtes Galilei'sches Fernrohr ansehen, welches aus dem Gesamtsystem das machte, was im Abschnitt 1 als "Retrofokus des zweiten Typs" beschrieben wurde. Das heißt, die Schnittweite des Einbauobjektivs veränderte sich nicht, während der vergrößerte Bildwinkel und die verkleinerte Wiedergabe des Motivs durch den brennweitenlosen Vorsatz bewerkstelligt wurde. Allerdings ist dieser im Patent verankerte Aufbau zunächst nicht als wechselbares Vorsatzsystem herausgebracht worden, sondern eben in Form des Eurygon 2,8/30 mm und damit als komplettes Wechselobjektiv für die Retina Reflex und andere Spiegelreflexkameras, während für die Retina-Sucherkameras tatsächlich andere Wechsel-Konstruktionen verwendet wurden [Vgl. Naumann, Moderne Probleme der photographischen Optik, S. 606f.], die im Bundespatent Nr. 1.058.759 verankert sind und die etwa zeitgleich durch Schlegels Kollegen Karl-Heinz Pennig entwickelt wurden.

Das Eurygon 2,8/30 mm zählt zu den faszinierendsten Retrofokus-Konstruktionen aus der Frühzeit ihrer Entwicklungsgeschichte. Das hat damit zu tun, daß Franz Schlegels Konstruktionsansatz ursprünglich von einem wechselbaren Vorsatz ausging, bei dem die Frontlinse eines fest eingebauten Triplets durch den Weitwinkelvorsatz ausgetauscht werden konnte. Zu den Eigenheiten dieses Ansatzes gehört daher, daß die schräg einfallenden Büschel unterhalb des Hauptstrahles ab einer bestimmten Neigung vollständig ausgeblendet werden. Bei vollem Bildwinkel (oben ist nur der Bildkreis von etwa 42 mm eingezeichnet) wird sogar der Hauptstrahl abgeschattet. Da aber die Büschel oberhalb des Hauptstrahles das System aber weiterhin großzügig passieren können, geht die Lichtmenge bei vollem Bildwinkel in den Ecken letzten Endes trotzdem auf weniger als 25 Prozent des Mittenlichts zurüc, was in den 1950er Jahren ein ziemlich guter Wert war. Diese Eigenheiten des Eurygons 2,8/30 mm haben natürlich damit zu tun, daß aufgrund des Konstruktionsansatzes als Vorsatzsystem die Position der Blende im Grundobjektiv unverrückbar festlag. Wäre das Eurygon von Anfang an als vollständiges Objektiv gerechnet worden, hätte Schlegel die Blende garantiert weiter nach vorn verschoben.

Das Ausgangskonzept des Eurygons als Vorsatzobjektiv taucht dagegen beim Austauschsystem "Pantar" wieder auf. Das ist durchaus bemerkenswert, denn dieses Wechselsystem wurde nicht für Kodak hergestellt, sondern fand Anwendung bei Zeiss Ikon Stuttgart an der einfachsten Ausführung der Contaflex. Das Pantar-Wechselsystem wurde also von Rodenstock für Zeiss Ikon gefertigt. Ein Irrtum ist praktisch ausgeschlossen, denn die obigen Angaben stammen aus einem Aufsatz von Helmut Naumann, der damals die Photoabteilung bei Rodenstock leitete.


Abschließend möchte ich noch auf das Kuriosum verweisen, daß Franz Schlegel erst im Nachhinein ein Retrofokus nach der Bauform mit einer einfachen vorgesetzten Zerstreuungslinse geschaffen hat, wie es zu jener Zeit die Konkurrenten taten. Vom 22. Oktober 1955 liegt das Bundespatent Nr. 1.017.382 vor, welches das einfachere Eurygon 4/35 mm beschreibt. Dieses kleine Weitwinkel wurde für die Kodak Retina Reflex angepaßt oder die Sucherkamera Iloca electric. Bemerkenswert ist der Einsatz des neuartigen Lanthanflint-Glases LaF2 in der Linse Nummer 3.

Schlegels Ansatz für dieses Eurygon 4/35 mm lag darin, in dem großen Luftabstand zwischen dem Grundobjektiv und den Vorsatzmeniskus einen dicken positiven Meniskus mit sehr flacher Krümmung und großer Farbzerstreuung einzufügen, mit dem er zugleich den Farbvergrößerungsfehler des Gesamtobjektivs beheben konnte und auf der anderen Seite die Verzeichnung, welche bei Konkurrenzerzeugnissen bis zu 3 Prozent betrug, auf einen Wert von maximal 1 Prozent zu begrenze. Diese Linse besteht daher aus hochbrechendem Schwerflintglas. Das Ergebnis war ein sehr zierliches Objektiv mit einer guten Bildleistung. Es fällt aber auf, daß die mit voller Hauptstrahlneigung einfallenden Büschel stark vignettiert werden. Bei offener Blende beträgt das Öffnungsverhältnis für diese "Eckenstrahlen" nur etwa 1:11.
2.7 Voigtländer: Vom Skoparon zum Skoparex
Bei der Braunschweiger Firma Voigtländer begann die Entwicklung neuer Erzeugnisse nach dem Zweiten Weltkrieg mit einem Kuriosum. Hier hatte man als Alternative zur Leica eine Meßsucherkamera namens Prominent mit Wechselobjektiven erarbeitet, die aber statt mit einem Schlitzverschluß mit einem Compur der Baugröße 00 arbeiten sollte. Zentralverschlüsse galten damals nicht nur als zuverlässiger und kälteunempfindlicher, sie boten zudem auch lange Belichtungszeiten bis zur vollen Sekunde. Als Nachteil ergab sich aber, daß der freie Durchlaß dieses Zentralverschlusses gerade nur so groß war wie die Bildhöhe des Kleinbildformates. Um auch die Formatecken auszuleuchten, mußte der Verschluß deshalb weit genug von der Bildebene entfernt sein. Daraus ergaben sich aber ähnliche Forderungen an die Mindestschnittweite der Wechselobjektive wie bei den Reflexkameras.

Kein geringerer als Albrecht Wilhelm Tronnier, der vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges für Schneider und Isco gearbeitet und hier große Leistung bei der Optimierung des Gaußtypobjektives erbracht hatte, war in der Endphase des Krieges für Voigtländer dienstverpflichtet worden. Hier half er auch nach 1945 regelmäßig aus und schuf unter anderem die epochemachenden Objektive Ultron, Nokton und Septon. Für die Prominent hatte er sich einen sogenannten Spiegelkasten erdacht, der aber nicht wie im Falle der Leica die Sucherkamera nachträglich zu einer behelfsmäigen Spiegelreflexkamera machte, an die dann nur entsprechend langbrennweitige Objektive angebracht werden konnten. Vielmehr lag die Idee darin, daß der Spiegel als Teil des optischen Systems mitten in diesem untergebracht war [DE 815.754 vom 24. Mai 1950].

Das Objektiv wurde dadurch in zwei Hälften jeweils vor und hinter dem Spiegel aufgeteilt und Tronnier hatte das sammelnd wirkende hintere Glied doppelt vorgesehen: Einmal hinter dem hochgeklappten (bzw. seitlich weggeschobenen) Spiegel zur Aufnahme und ein zweites Mal zum Einstellen oberhalb des Spiegels unmittelbar vor der Mattscheibe. Tronnier schreibt dabei in seinem Patent ausdrücklich: "Weiterhin wird betont, daß die Erfindung nicht auf die Anwendung von Telesystemen beschränkt ist, vielmehr können auch andere optische Systeme mit einer solchen neuen Spiegelreflexeinrichtung kombiniert und ausgerüstet werden. Es sei hier beispielsweise auf die Ausrüstung von Weitwinkelobjektiven mit einer solchen Spiegelreflexeinrichtung hingewiesen, die sich als besonders günstig erwiesen hat." In einer seiner Patentzeichnungen ist dann deutlich eine Retrofokus-Konstruktion mit einem zerstreuenden Vorderglied und zwei gleichartigen sammelnden Hintergliedern für die Mattscheibenbetrachtung und die Aufnahme erkennbar.

Tronnier hat dann auf Basis der im Patent genannten Maßgaben das oben gezeigte Ultragon 5,8/24 mm entwickelt. Diese Objektiv-Reflexkasten-Kombination scheint den Angaben in der Patentschrift zufolge am 6. Mai 1950 auf der ersten Photokina gezeigt worden zu sein. Damit hätte Tronnier nicht nur eines der ersten Retrofokus-Weitwinkelobjektive für die Kleinbildkamera geschaffen, sondern auch in Bezug auf den Bildwinkel gleich einen Rekord aufgestellt.

Damit war Tronnier natürlich seiner Zeit viel zu weit vorausgeeilt. Dieses riesenhafte Ultragon, das die ziemlich kompakt gebaute Voigtländer Promiment schließlich regelrecht ad absurdum führte, gelangte nie in die Serienfertigung. Nichtsdestoweniger hatte Tronnier eine unglaubliche Pioniertat vollbracht, indem er die Notwendigkeit zu einer verlängerten Schnittweite bei einem kurzbrennweitigen Objektiv zugleich mit einem stark vergrößerten Bildwinkel und der Idee einer Suchers in Reflexbauweise in Einklang gebracht hatte.

Aus dieser Vorgeschichte heraus wird begreiflich, weshalb die neue Spitzenkamera Prominent bereits zwei Jahre im Handel war, als ab 1953 tatsächlich erstmals ein Weitwinkelobjektiv für sie zur Verfügung gestellt werden konnte. Auch die Entwicklung dieses Skoparons 3,5/35 mm wurde wiederum von Tronnier geleistet. Trotz des deutlich bescheideneren Bildwinkels von knapp über 60 Grad blieb für ihn natürlich das Problem, daß aufgrund des Hinterlinsen-Zentralverschlusses die Schnittweite nicht kleiner werden durfte als der Betrag der Brennweite.

Das Skoparon 3,5/35 mm ist dabei als Ausführungsform Nummer 4 im Deutschen Bundespatent Nr. 1.024.730 vom 5. März 1952 "versteckt". Einem erweiterten Triplet vom Skopar-Typ ist in einem Luftabstand a1 ein zerstreuender Meniskus aus einem sehr niedrig brechenden Fluor-Kron-Glas vorangestellt. Da die nachfolgende Sammellinse dagegen aus einem schweren Glas mit stark gewölbter Frontfläche besteht, ergibt sich für die dazwischenliegende Luftlinse A ebenfalls die Wirkung eines zerstreuenden Meniskus, der gegenüber der nachfolgenden Sammellinse eine große Brechzahldifferenz bildet, mit dem Tronnier dieses Objektiv trotz der vergleichsweise hohen Lichtstärke gut auskorrigieren konnte. Wie komplex dieses Metier der Retrofokusobjektive seinerzeit gewesen ist und wie groß die Vielzahl der Neuerscheinungen waren, läßt sich daran ablesen, daß das Patentamt in München mehr als acht Jahre gebraucht hat, um Tronnier den Patentschutz endlich im Sommer 1960 zu erteilen.

Das Skoparon gehört zwar prinzipiell zu den Retrofokus-Konstruktionen, doch die bildseitige Hauptebene H' ist in diesem Falle nur geringfügig innerhalb der Optik Richtung Bildebene verschoben, sodaß die Schnittweite kleiner bleibt als die Brennweite. Eine Schnittweite von knapp 33 mm genügte für den Einsatzzweck an der Prominent-Sucherkamera. Ohne das Vorsetzen der mit -5 Dioptrien ziemlich schwach brechenden Zerstreuungslinse läge die Hauptebene des Grundobjektivs aber noch vor der Blende, wodurch die Schnittweite zu kurz ausfiele, um das Objektiv noch vor den Zentralverschluß dieser Kamera setzen zu können.

Doch so lange konnte man sich bei Voigtländer nicht aufhalten. Mit der Vitessa T wurde 1956 eine Kamera eingeführt, die auf einem neuen Wechselobjektiv-Standard aufbaute, der von der Firma Deckel zur Verfügung gestellt wurde. Es handelte sich um ein Einheitsbajonett für vor den Zentralverschluß Synchro-Compur 00 gesetzte Wechselobjektive, das oben im Abschnitt 3 bereits in Bezug auf die Retina Reflex angesprochen wurde. Die Besonderheit lag darin, daß nun auch für Sucherkameras dasselbe Anlagemaß zugrundegelegt wurde, wie für Spiegelreflexkameras. Das heißt, noch bevor Voigtländer 1958 mit der Zentralverschluß-Spiegelreflexkamera Bessamatic herauskam, mußte bereits für die Vitessa T ein neues Weitwinkelobjektiv entwickelt werden, das die Forderungen an die nochmals verlängerte Schnittweite und vor allem an den geringeren Durchmesser des Zentralverschlusses der Baugröße 00 zu erfüllen vermochte.

Eine weitere Anhebung der Schnittweite sorgte allerdings für eine gewaltige Zunahme an Astigmatismus. Fritz Determann entwickelte deshalb das bisherige Skoparon weiter, indem er dem Triplet-Gundobjektiv eine weitere Sammellinse vorsetzte. Er bezeichnete dieses Element in seinem Bundespatent Nr. 1.044.440 vom 12. September 1956 als "Zuschaltlinse Lz". Von den drei im Patent angegebenen unterschiedlichen Ausführungsformen wurde dabei die erste umgesetzt, bei der diese Zuschaltlinse auffallend stark meniskenförmig durchbogen war. Dieses neue Retrofokus-Weitwinkel 3,4/35 mm wurde zunächst als Skoparet für die Vitessa T hergestellt und anschließend als Skoparex für die Bessamatic und Ultramatic sowie danach noch einige Jahre für die Icarex von Zeiss Ikon.

Man erkennt gut, wie die Zuschaltlinse (Linse Nr. 2) fast dieselbe Brechkraft wie die Frontlinse hat, nur mit gegensätzlichem Vorzeichen. Das ergibt in Kombination das eingangs beschriebene verkleinernd wirkende Vorschaltsystem. Es hat – bewirkt durch den großen Luftabstand zwischen beiden Linsen – eine resultierende Brennweite von +300 mm. Das ist das 8,5-fache der Brennweite des Gesamtsystems.

Nachdem der Zeisskonzern die Firma Voigtländer 1956 übernommen hatte, folgte nicht etwa wie nach der Gründung der Zeiss Ikon AG drei Jahrzehnte zuvor eine Phase der rigorosen Straffung des Kameraprogramms, sondern es wurde eine geradezu haarsträubende, sich gegenseitig kannibalisierende Modellpolitik gefahren, mit der die zusammengelegte Marke Zeiss Ikon/Voigtländer sehenden Auges in den Abgrund gewirtschaftet wurde. Das äußerte sich unter anderem darin, daß die unter Walter Swarofsky entwickelte Zentralverschluß-Spiegelreflexkamera mit Belichtungsvollautomatik namens Ultramatic konzernintern in direkte Konkurrenz zur ebenfalls im Spitzensegment angesiedelten Contarex gesetzt wurde. Im Marktbereich darunter wetteiferte hingegen die Bessamatic von Voigtländer gegen die Contaflex aus Stuttgart, die beide zunehmend nicht mehr wirklich dem entsprachen, was die Kunden kaufen wollten. Weil alle Felle wegzuschwimmen drohten, wurde eine in Braunschweig entwickelte Schlitzverschluß-Reflexkamera nach dem Vorbild der Praktica und Edixa, gegen die sich der Zeiss-Vorstand (und die Tochterfirma Deckel in München) schließlich so lange gesträubt hatte, dann doch noch eilig unter dem Namen Icarex auf den Markt geworfen. Es handelte sich um eine billig konstruierte Kamera mit etlichen technischen Schwachstellen, die später noch der Firma Rollei wie ein Klotz am Bein hängen sollte, nachdem deren Manager zu allem Übel auf die wahnwitzige Idee gekommen war, sie ausgerechnet in einem tropischen Land montieren zu lassen, wo ihre vielen Messingteile vergammelten noch bevor sie eingebaut waren. Doch das war fast zehn Jahre später. Der schwergewichtige Icarex-Brikett, der als als preiswerte Massenkamera eigentlich Zeiss Ikon hätte retten sollte, war zunächst jedoch mit einem ungekuppelten Innenmeßprisma und obendrein einem zur Praktica und Edixa inkompatiblen Objektvanschluß herausgebracht worden. Zu den wenigen Wechselobjektiven für dieses spezielle Icarex-Bajonett gehörte auch das Braunschweiger Skoparex 3,4/35 mm von 1956, das nun als Carl-Zeiss-Objektiv vermarktet wurde.
Vor diesem Hintergrund darf es uns nicht verwundern, wenn ein offensichtlich von Voigtländer entwickelter Nachfolger mit einer geringfügig angehobenen Lichtstärke nun nicht nur unter der Herstellerbezeichnung "Carl Zeiss" herausgebracht, sondern sogar die Oberkochener Markenbezeichnung Distagon 2,8/35 statt "Skoparex" verwendet wurde. Erst nachdem die Rolleiwerke die Produktion nach Singapur verlagert hatten, wurde dies rückgängig gemacht und das unten gezeigte Objektiv entweder als "Voigtländer Color-Skoparex" oder zumindest als "Rollei Distagon" vermarktet.

Verwirrend war dieser Reigen auch deshalb, weil Rollei zusätzlich Objektive mit teilweise überschneidenden Brennweitenbereichen als "Rolleinar" vermarktete, die jedoch in Japan von der Firma Mamiya produziert wurden. Ob man sich in Oberkochen damals einen Gefallen getan hat, sich auf diese Lizenzpolitik eingelassen zu haben, das scheint mir sehr fraglich – zumal Rollei Mitte der 70er Jahre zunehmend in die Schlagzeilen geriet. Um die Arbeisplätze im "Zonenrandgebiet" zu sichern, hatten zwei Landesbanken insgesamt eine halbe Milliarde Mark (!) an Krediten in die stark angeschlagene Firma gepumpt, wovon die Hälfte bereits nach kurzer Zeit als verloren angesehen wurde [Vgl. Versaute Preise; in: Spiegel, Nr. 19/1975, S. 76f.]. Mit diesem Steuergeld künstlich am Leben gehalten, warf Rollei große Mengen meist minderwertiger Ware zu Preisen teils noch unterhalb der Herstellungskosten auf den Markt und riß mit diesem Preisdumping gleich noch einige Mitbewerber (vor allem Diaprojektoren-Hersteller) mit in den Ruin. Der Handel war in höchster Aufruhr und auch die Politiker zeigten sich zunehemd beunruhigt.

Wie dem auch sei – der Linsenschnitt zum Zeiss Distagon 2,8/35 mm bzw. Voigtländer Color-Skoparex 2,8/35 mm zeigt jedenfalls, daß trotz der Erhöhnung der Lichtstärke um eine halbe Blendenstufe die Linsenzahl gegenüber dem Vorgänger von sechs auf fünf verringert worden war. Die Bildqualität blieb aber tadellos, denn trotz der späteren Massenfertigung in Südostasien wurden für diese in Deutschland entwickelten Objektive zum Teil schwerste Kron- und Flintgläser eingesetzt, sodaß man sich von der Aufschrift "made in Singapore" nicht abschrecken lassen sollte.

Das ganze Verwirrspiel aber, das damals nicht nur die Kundschaft verunsichert, sondern auch die deutschen Rollei-Mitarbeiter zunehmend in die Verzweiflung getrieben hat, das wird nun aus dem oben gezeigten Color-Skoparex 2,8/35 AR deutlich. Auf den ersten Blick könnte man meinen, man habe es hier mit einem weiteren dieser hochwertigen Zeiss-, Rollei- oder Voigtländer-Objektive zu tun, das halt lediglich in Fernost produziert worden ist. Die Gegenüberstellung unten macht aber klar, daß es sich bei diesem Exemplar des Color-Skoparex in Wirklichkeit um ein "Auto Mamiya Sekor 2,8/35 SX" handelte.
Das eigentliche Problem daran war wiederum nicht die Produktion bei einem Fremdhersteller, sondern daß es sich bei diesem Weitwinkel um eine erschreckend rückschrittliche Retrofokus-Konstruktion auf dem Stand der 1950er Jahre mit weit nach vorn verlagerter Zerstreuungslinse von großem Durchmesser handelte. Entsprechend voluminös und unzeitgemäß fiel auch die Objektivfassung aus. In einer Zeit, wo Konkurrenten wie Pentax, Nikon oder Olympus gezielt auf eine Kompaktbauweise ihrer Erzeugnisse setzten und auch aggressiv mit diesem Verkaufsargument warben, geriet ein Hersteller, der seinen Kunden solche antiquierten Produkte andrehen wollte, rasend schnell ins Abseits.
Weit vorn liegende Zerstreuungslinse, Tessartyp als Grundobjektiv und dazwischen eine "Zuschaltlinse" - Mit diesem Mamiya-Objektiv mutete dir Firma Rollei ihren Kunden den technischen Stand der 1950er Jahre zu
2.8 Nikon-Retrofokus: Japan auf der Überholspur
Die Firma Nippon Kogaku hatte nach dem Zeiten Weltkrieg zunächst auf den Typus der Meßsucherkamera gesetzt und in diesem Bereich sehr hochwertige Geräte entwickelt. Doch der Konkurrent Asahi hatte in der zweiten Hälfte der 50er Jahre auf einmal großen Erfolg beim anspruchsvollen Amateur mit einäugigen Kleinbild-Reflexkameras, die sich anfänglich sehr an den Modellen aus Dresden orientierten, bald aber ihre Eigenständigkeit erlangten. Das war wohl das Alarmsignal für Nikon, selbst eine Reflexkamera zu entwickeln, die auf dem qualitativen Standard ihrer Sucherkameras basierte.

Vergleichsweise kurzfristig mußten nun Retrofokus-Konstruktionen entwickelt werden, um mit dem Verkaufsstart der neuen Reflexkameras den Weitwinkelbereich abdecken zu können. Das eine Objektiv war ein Nikkor 2,8/35 mm, mit dem es offenbar Schwierigkeiten beim Entwurf gab. Das andere war ein Nikkor 3,5/28 mm (zunächst noch nach altem Standard als 2,8 cm bezeichnet). Für dieses Weitwinkel zeichnete der Konstrukteur Zenji Wakimoto verantwortlich, der zum Jahresende 1958 auch ein Patent auf seine Lösung in seinem Heimatland beantragte, das er 1963 auch erteilt bekam.

In Europa hätte er das Patent möglicherweise nicht durchbekommen. Man erkennt deutlich die Anleihen beim im Abschnitt 2.4 beschriebenen Angénieux 3,5/28 mm von 1952. Auf der anderen Seite war neu, eine von den beiden positiven Elementen vor der Blende hinter diese zu verschieben und damit da Objektiv erst mit den letzten beiden Linsen sammelnd zu machen. Doch auch dieses Prinzip war bereits in Herrn Lautenbachers Schutzrecht für das Super-Lithagon 1,9/35 mm vom September 1958 enthalten (siehe Abschnitt 2.1). Auch wenn also der Grad der wissenschaftlichen Neuerung begrenzt blieb, war diese Konstruktion dennoch gelungen. Und obwohl dieser Aufbau nach einer Frontlinse mit einem sehr großen Durchmesser verlangte, blieb dieses Objektiv für Jahrzehnte im Angebot des Herstellers. Im Jahre 1976 wurde durch Einsatz neuer Glasarten erreicht, die Baulänge etwas zu verkürzen und vor allem die Frontdurchmesser zu verkleinern [JP51-11566, in der Bundesrepublik DBP Nr. 2.704.725]. Doch schon die erste Version hatte eine gute Bildleistung mit einer schlanken Kurve für den Kugelgestaltsfehler, geringem Astigmatismus und vor allem einer Verzeichnung mit einem Maximum bei 1,3 Prozent – also ungefähr nur halb so viel wie bei den nachfolgenden lichtstärkeren Typen

Aus Gründen, die sich heute gar nicht mehr so recht nachvollziehen lassen, entwickelte sich die Kleinbild-Spiegelreflexkamera der Firma Nikon im Laufe der 1960er Jahre zum Standardgerät für professionelle Photographen vor allem im Reportagebereich. Ein bißchen unerklärlich erscheint das deshalb, da doch eigentlich die Topcon RE super die deutlich fortschrittlichere Kamera war. Sie hatte schon 1963 nicht nur eine ins Kameragehäuse integrierte, sucherunabhängige Innenlichtmessung, sondern auch eine automatisch kuppelnde Blendenwertübertragung für die Offenblendenmessung. Nikon brauchte bis ins Jahr 1977, um diesen technischen Standard aufzuholen. Aber Profis sind halt konservativ, Profis sind der Meinung, sie bräuchten überhaupt keinen Belichtungsmesser, weil sie jede Blende korrekt schätzen können, usw. In Wahrheit haben Profis immer alles in ihren Kameras als Fortschritt akzeptiert, was in den Amateurkameras fünf bis zehn Jahre zuvor eingeführt worden war. Sei es eben die Innenlichtmessung, sei es die Zeitautomatik und im Grunde genommen auch der Autofokus.

Aber sei es drum. Wesentlich offener zeigten sich professionelle Anwender für revolutionäre Objektivkonstruktionen. Vor allem Objektive mit hohen Lichtstärken wurden gerne gekauft, weil es für die Profis viel wichtiger war, in ungünstigen Lichtsituationen überhaupt ein Bild machen zu können, als daß es auf hohe Schärfeleistung ankam. Schauen Sie sich mal eine Tageszeitung aus den 60er Jahren an: Bei der damaligen Druckqualität spielten Restbeträge an Feldwölbung und Farbkoma nun wirklich keine entscheidende Rolle. Japanische Hersteller hatten daher in den 50er Jahren zum Teil spektakulär lichtstarke Konstruktionen auf den Markt gebracht, deren Bildleistung bei offener Blende nur als abenteuerlich bezeichnet werden kann. In den 60er Jahren, mit einer immer größeren wissenschaftlichen Eigenständigkeit japanischer Objektivkonstrukteure, entstehen dann aber immer mehr wirklich hochwertige lichtstarke Objektive, die schnell weltweit führend wurden. Zu diesen ist das Nikkor 2/35 mm zu zählen, das in Japan am 22. Oktober 1965 zum Patent angemeldet wurde.

In der Bundesrepublik wurde dieses Objektiv am 14. Oktober 1966 angemeldet. Es hat sich nur eine Offenlegungsschrift erhalten, die uns aber eine sehr genaue Rekonstruktion dieses Objektivs ermöglicht. Bei einer solch großen Öffnung und einem Bildwinkel über 60 Grad stellte natürlich die Beherrschung der Koma ein einschneidendes Problem dar. Eine zentrale Rolle spielte dazu die Kittfläche hinter der Blende (r9), die zwischen Restbeträgen der Koma und des Astigmatismus vermittelt. Zweitens fällt die besonders lange Schnittweite mit einem Wert über 40 mm auf. Bis hinter das bildseitige Kittglied (also bis r10) hat das Objektiv eine negative Brennweite; erst die beiden hinteren Sammellinsen machen die Gesamtbrennweite positiv. Das heißt, erst diese beiden Sammellinsen lassen aus dem virtuellen Bild ein reell abbildbares werden. Für die damalige Zeit war das Objektiv zwar ziemlich kurz gebaut, dennoch fällt die erhebliche Vignettierung bei voller Hauptstrahlneigung auf (grüne Lichtbüschel). Aber insgesamt war dieses von Yoshiyuki Shimizu gerechnete Objektiv so ausgewogen, daß es letztlich vier Jahrzehnte lang mit nur geringfügigen Veränderungen im Lieferprogramm des Herstellers verblieb.

1967 ist das Jahr zweier großer Durchbrüche im Retrofokus-Bereich für die japanische Firma Nippon Kogaku. Und zumindest das oben gezeigte Nikkor 2,8/24 mm hat dabei eine Bedeutung, die über die bloße Firmengeschichte dieses Herstellers hinausgeht. Dieses Retrofokusobjektiv gilt nämlich gemeinhin als erstes, das serienmäßig mit einem automatischen Korrektionsausgleich ("floating elements") versehen wurde. Das große Problem bei Retrofokus-Weitwinkelobjektiven mit ihrer ausgesprochen asymmetrischen Bauweise und den stark zerstreuenden Komponenten im vorderen Systemteil liegt nämlich darin, daß sich die Bildqualität sehr verschlechtert, wenn das Objektiv auf nahe Entfernungen eingestellt wird. Insbesondere bei lichtstarken Retrofokus-Weitwinkeln wird es schlichtweg unmöglich, sie gleichermaßen für weite und nahe Objektentfernungen auszukorrigieren, weil mit größer werdendem Abbildungsmaßstab die Bildfeldwölbung und der Astigmatismus über die Maßen ausbrechen. Dieses Problem hat die Weiterentwicklung von Retrofokusobjektiven in den 1960er Jahren allgemein gehemmt.

Erst nach intensiver Forschungsarbeit wurde in den Objektivbaufirmen erkannt, wie dieser Problematik entgegentreten werden könne. So ist zu erklären, daß das optische System des Nikkor 2,8/24 mm zunächst ohne diesen Korrektionsausgleich patentiert wurde. In Deutschland geschah dies mit dem Bundespatent Nr. 1.497.543 vom 24. Dezember 1966. In Japan war das Patent schon zum 28. Dezember 1965 angemeldet worden. Als Erfinder wurde Yoshiyuki Shimizu aus Tokio benannt. Die negative Frontgruppe aus den Linsen 1 bis 3 erzeugt ein virtuelles Bild des Objektes, das mit den Linsen 4 bis 8 im Unendlichen abgebildet und mit der Linse 9 schließlich auf die Bildebene geworfen wird. Diese Linse Nummer 9 besteht dazu aus einem hochbrechenden Lanthanflintglas.

Knapp zwei Jahre später wurde dann eine Erfindung nachgereicht, mit der das oben erwähnte Ausbrechen der Bildfehler im Nahbereich unter Kontrolle gebracht werden konnte. In Japan hat das Patent die Nummer 45-39875 (Aktenzeichen 60854) und wurde am 23. September 1967 angemeldet. In der Bundesrepublik ist davon allerdings nur eine Gebrauchsmuster-Hilfsanmeldung vom 21. September 1968 erhalten geblieben (siehe Dokument oben), was darauf schließen läßt, daß hier zwar ein Patent angemeldet, jedoch nie erteilt wurde, sondern Nikon Kogaku zum 10. Dezember 1970 lediglich einen Gebrauchsmusterschutz Nr. 6.606.937 zugesprochen bekam. Das ist durchaus ein wichtiges Detail, denn um diesen, für die Weiterentwicklung der Retrofokus-Objektive derart bedeutenden automatischen Korrektionsausgleich, entspann sich in der Folgezeit offenbar eine zentrale Prioritätsfrage. Das kommt unter anderem dadurch zum Ausdruck, daß ebenfalls mit "floating elements" arbeitende Nachfolge-Erfindungen zum Teil zehn Jahre und mehr beim Patentamt zur Prüfung vorlagen, bevor der Patentschutz letzten Endes erteilt wurde. Man kann sich vorstellen, welche Auseinandersetzung es zwischen den Firmen im Hintergrund gegeben haben mag. Ich komme darauf im folgenden Abschnitt noch zurück.

Aus der japanischen Patentschrift läßt sich der langjährige Nikon-Konstrukteur Zenji Wakimoto als Erfinder dieses Korrektionsausgleiches herauslesen. Wakimoto war nach systematischen Untersuchungen auf die Idee gekommen, mitten im Objektiv einen variablen Luftspalt einzuführen, dessen Tiefenänderung an den Gesamtauszug des Objektives gekoppelt wurde. Dazu placierte er diesen veränderlichen Luftspalt gezielt dort im Objektiv, wo der Lichtfluß parallel erfolgte und deshalb dessen Veränderung keine Auswirkungen auf die Brennweite, Schnittweite und Lichtstärke des Gesamtobjektives hatte. Beim Nikkor 2,8/24 wurde dafür die Distanz zwischen den Linsen 6 und 7 (Luftabstand d11) veränderlich gemacht, indem im Objektiv quasi ein zweiter Schneckengang eingebaut wurde, der nur die drei hintersten Linsen bewegte.

Oben sieht man nun, was dieser automatische Korrektionsausgleich im Falle des Nikkors 2,8/24 mm bewirkt. In Figur 2 ist die sphärische Aberration (a), der Astigmatismus (b) und die Verzeichnung (c) bei unendlicher Objektentfernung aufgezeichnet (offensichtlich ist auf der y-Achse nicht wie üblicherweise der halbe Bildwinkel angegeben, sondern der halbe Bildkreisdurchmesser). Darunter finden sich dieselben Bildfehler bei einem Vergrößerungsmaßstab von 0,114 (etwa 1:8,8), was einer Naheinstellung auf etwa 25 cm entspricht. Während die sphärische Aberration und die Verzeichnung kaum eine Veränderung erfahren, brechen die Kurven für die sagittale und insbesondere die meridionale Bildschale extrem aus. In diesem Zustand wäre das Objektiv im Nahbereich quasi völlig unbrauchbar. In Figur 3 ist ersichtlich, wie durch den Korrektionsausgleich Astigmatismus und Wölbung im Nahbereich völlig eingefangen werden können und mindestens dieselbe Bildleistung erreicht wird wie bei Einstellung auf Unendlich. Durch diesen großen optischen und mechanischen Aufwand bot das Nikkor 2,8/24 mm im Jahre 1967 eine Abbildungsleistung, die selbst heutige Ansprüche noch vollauf befriedigt – mit Ausnahme der Verzeichnung, die Richtung Bildecken den Wert von 2,7 Prozent überschreitet.

Die großen Durchmesser der beiden bildseitigen Sammelkomponenten sorgen dafür, daß die Vignettierung beim Nikkor 2,8/24 mm auf ein sehr geringes Maß reduziert werden konnte. Natürlich hatte dieses Ziel die Bildfehlerberichtigung nicht gerade leicht gemacht. Ich verzichte hier stets darauf, irgendwelche MTF-Diagramme wiederzugeben. Diese würde mir zwar das Optik-Rechenprogramm problemlos per Mausklick ausspucken, aber das korrekte Erstellen dieser Diagramme und ihre Auswertung sind eine Wissenschaft für sich. Schon die Frage danach, wo genau man die Bildebene festlegt, wird hochkomplex, wenn man sich in die entsprechende Fachliteratur einliest. Diese MTF-Kurven wollen wir lieber den Fachleuten überlassen...

Der zweite große Wurf der Firma Nippon Kogaku des Jahres 1967 war dieses Nikkor-UD 3,5/20 mm. Es gehörte zu den wenigen Retrofokus-Konstruktionen des Weltmarktes, die damals die 90-Grad-Marke in Bezug auf den diagonalen Bildwinkel überschritten. Gleichzeitig war das elflinsige Objektiv außerordentlich leistungsfähig, wie unten der Vergleich der Kurven für die Modulationsübertragung gegenüber dem Jena Flektogon 4/20 mm (alt) und dem Canon FL 3,5/19 mm zeigen [aus: Fotomagazin 10/1969, S. 41.]. Dieses Ergebnis ist besonders vor dem Hintergrund zu würdigen, daß die Entwicklergruppe um Yoshiyuki Shimizu gleichzeitig parallel sowohl am 20- wie a 24-mm-Objektiv arbeitete.


Eine ausgereifte Reflexkamera mit ihrem robusten Metallfolien-Schlitzverschluß sowie eigene Hochleistungsobjekive ließen die Firma Nippon Kogaku während der 1960er Jahre zum führenden Hersteller des Weltmarktes im sogenannten Profi-Sektor aufsteigen. Bild: Neal Angrisano

Doch trotz der hohen Leistungsfähigkeit erlebte das UD-Nikkor 3,5/20 mm nur eine kurze Produktionsdauer. Bereits im Jahre 1974 wurde es durch ein nur unmaßgeblich lichtschwächeres Pendant ersetzt, das auf außergewöhnlich hohe Kompaktheit getrimmt war. Es ist bis heute eines der kleinsten SLR-Objektive mit einem Bildwinkel über 90 Grad. Selbst an der späteren Nikon-Kompaktreihe der Modelle FE und FE2 wirkt es zierlich, da es gar kürzer gebaut ist als das damalige Normalobjektiv 1,8/50.

Durch den gedrängten optischen Aufbau konnten als Nebeneffekt die Linsen im Durchmesser klein gehalten werden. Das hatte nicht nur zur Folge, daß an diesem Objektiv die Nikon-Standardfilter mit dem M52-Durchmesser verwendet werden konnten, sondern daß aufgrund der kleineren Glasoberflächen dieses Superweitwinkel deutlich weniger streulichtempfindlich war als konkurrierende Objektive dieser Bauart in jener Zeit. Im Verbund mit der Einführung mehrschichtiger Entspiegelungsbeläge in der ersten Hälfte der 70er Jahre wurde nunmehr ein ausgezeichneter Bildkontrast auch bei ungünstigem Lichteinfall gewährleistet. Das war wichtig in Einsatzbereichen wie der Reportagephotographie, wo wenig Zeit für Bildkontrolle bleibt. Gerade in diesem Sektor hatte die Firma Nippon Kogaku eine große Marktdominanz.

Dabei scheint dieses kompakte Nikkor 4/20 mm gewissermaßen nur ein Nebenprodukt aus Entwicklungsarbeiten bei Nikon an einem 90-Grad-Retrofokus für das Mittelformat 6x6 gewesen zu sein. Nippon Kogaku selbst hatte zwar keine Mittelformat-Spiegelreflexkamera im Angebot, entwickelte und fertigte aber entsprechende Objektive für die Firma Zenza Bronica, die eine von der Hasselblad inspirierte würfelförmige 6x6-Spiegelreflexkamera mit Wechselmagazinen herausgebracht hatte.

Das Nikkor 4/40 für die Bronica S2 und das Nikkor 4/20 haben also einen gemeinsamen Ursprung. Das steht auch einleitend in der Offenlegungsschrift des späteren Deutschen Bundespatentes Nr. 1.804.488 vom 24. Oktober 1968: "Die Erfindung bezieht sich auf ein extrem weitwinkliges Objektiv kompakter Bauart vom Retrofokustypus, das eine relative Öffnung von F/4 und einen Öffnungswinkel von 90 - 100° besitzt und das als Kameraobjektiv nicht nur für eine einäugige 35mm-Spiegelreflexkamera sondern auch für eine grosse einäugige Spiegelreflexkamera des Formats 6 x 7 cm benutzt werden kann."
.jpg?etag=%22200ece-641b8ab4%22&sourceContentType=image%2Fjpeg&ignoreAspectRatio&resize=769%2B667&quality=85)
Die Erfindung des Nikon-Konstrukteurs Ikuo Mori war bereits zuvor in Japan [Nr. 68035-67] am 24. Oktober 1967 und in den USA [Nr. 3.549.241] am 15. Oktober 1968 zum Patent angemeldet worden. In diesen Schutzschriften sind mehrere Bauformen von Superweitwinkelobjektiven aufgelistet, die als Gemeinsamkeit haben, daß die Frontgruppe aus einer Sammellinse gefolgt von zwei Zerstreuungslinsen zusammengesetzt ist. Der Objektivaufbau in Figur 3 dieses Patentes kommt dabei den tatsächlich verwirklichten Nikkoren 4/40 und 4/20 sehr nahe. Was jedoch nicht in der Praxis verwirklicht wurde war das in der Abbildung erkennbare Zerlegen der Linse Nummer 5 in zwei Einzelelemente.

Dahinter verbirgt sich ein herausragender Konstruktionseinfall Ikuo Moris, der in diesem Patent regelrecht eingeschachtelt worden war. Mit dem Zerteilen dieser Linse hatte er nämlich an einem günstigen Ort im Objektiv künstlich einen Luftraum erzeugt, mit dem er den automatischen Korrektionsausgleich durchführen konnte, ohne die übrige Bildfehlerberichtigung antasten zu müssen. Das war eine alternative Lösung zum im Nikkor 2,8/24 mm praktizierten Verfahren, bei dem man noch darauf angewiesen war, daß die Objektivkonstruktion von sich aus einen brauchbaren Luftzwischenraum mit sich brachte. Moris Priorität bedeutete nun aber, daß anderen Objektivherstellern diese günstige Lösung für floating elements offenbar verstellt wurde. Während in den USA sein Patent bereits im Dezember 1970 erteilt worden war, zog sich das Prüfverfahren in Deutschland hingegen fast ein Jahrzehnt bis zum Mai 1978 hin. Auch dies wiederum ein Anzeichen für eventuelle Prioritätsauseinandersetzungen hinter den Kulissen.

Trotz der im Patent versteckten Lösung für einen Korrektionsausgleich sollte nicht vergessen werden, daß die beiden Nikkore 4/20 und 4/40 durch die besondere Gestaltung der vorderen Linsengruppe derart auf Kompaktheit getrimmt werden konnten. Oben wird das noch einmal deutlich bei einem direkten Vergleich mit dem Distagon 4/40 von Zeiss Oberkochen. Diese beiden Beispiele des Nikkor 2,8/24 als erstem Retrofokus mit mechanischem Korrektionsausgleich und dem Nikkor 4/20 bzw. 4/40 mit ihrer bisher nicht für möglich gehaltenen Kompaktbauweise dokumentieren, welche Fortschritte nach 25 Jahren der Entwicklung von Retrofokus-Weitwinkelobjektiven erzielt worden waren. Einen Preis hatte das ganze jedoch: Die Verzeichnung überschritt in den Bildecken 3 Prozent der Bildhöhe. Für Architekturaufnahmen etc. war das bereits ein ungünstig hoher Wert. Das ist insofern von Bedeutung, als diese Konstruktion auf die Brennweite von 28 mm hochskaliert auch als Shiftobjektiv PC-Nikkor 4/28 mm herausgebracht wurde.

Oben ein maßstabsgetreuer Vergleich des Zeiss Jena Flektogons 4/20 mm vom Beginn der 60er Jahre mit dem Nikkor 4/20 mm mehr als ein Jahrzehnt später, aus dem die erzielte Reduktion der Ausmaße des optischen Aufbaus in Hinblick sowohl auf die Baulänge wie auf die Linsendurchmesser noch einmal deutlich hervorgeht. Doch dazu noch eine Bemerkung: Die Firma Nikon veröffentlicht in ihrem Internetauftritt Texte zu ihren alten Objektivkonstruktionen. Im Bezug auf das Nikkor 4/20 mm schreibt dazu der Autor Kouichi Ohshita, seinerseits ein erfahrener Objektivkonstrukteur bei Nikon, in ungelenkem Englisch:
"A most outstanding feature was a forefront lens of a positive lens and had a unique construction at that time as the ultra wide-angle lens like the 20mm. It was a prevailing thought that the ultra wide-angle lens took a long back focus and had a negative lens disposed as a first lens for converging rays of light at a wide angle. Under this prevailing theory conceived by many lens designers, Mr. MORI was determined to challenge this common theory and can realize an ultra compactness as never before with an all-new innovative lens type."
Wenn das Gesagte einen Sinn ergeben soll, muß man es wohl folgendermaßen übersetzen: Das herausragendste Merkmal war, daß die Frontlinse sammelnde Wirkung hatte, was zur damaligen Zeit eine einzigartige Konstruktion für ein Ultra-Weitwinkel-Objektiv mit 20 mm Brennweite darstellte. Bisher ging man davon aus, daß Ultraweitwinkelobjektive mit einem großen Auflagemaß eine Negativlinse als erste Linse benötigen, um die Lichtstrahlen in einem weiten Winkel bündeln zu können. Ausgehend von dieser von vielen Objektivkonstrukteuren vertretenen Theorie war Herr MORI entschlossen, diese gängige Annahme in Frage zu stellen und mit einem völlig neuen, innovativen Objektivtyp eine nie dagewesene Kompaktheit zu erreichen.
In Wahrheit hat Herr Mori genau gewußt, daß es bereits Ultraweitwinkel der Retrofokus-Bauart gibt, die mit einer Sammellinse beginnen, als er seine Entwicklungsarbeiten patentieren ließ. Das Jena Flektogon 4/20 mm ist nämlich ausdrücklich in seinem Patent zitiert. Diese Objektiv-Artikel werden unter dem Namen "The Thousand and One Nights" veröffentlicht. Das ist nur allzu konsequent. Denn wie wir sehen, erzählt uns der Autor hier ein Märchen...

Doch das Portfolio der Retrofokus-Konstruktionen der Firma Nippon Kogaku, die binnen kurzer Zeit zu den profiliertesten Objektivherstellern aufgestiegen war, war damit längst noch nicht erschöpft. Erwähnenswert ist das von Yoshiyuki Shimizu im Jahre 1970 fertiggestellte Nikkor 2/28 mm, das dazumal wohl das lichtstärkste Retrofokus mit einem Bildwinkel über 70 Grad darstellte. Aus der Patentschrift geht eindeutig hervor, daß dieses Objektiv der Retrofokus-Bauweise des zweiten Typs angehört. Die drei vorderen Linsen und das Kittglied bilden zusammen ein afokales Fernrohr, dessen virtuelles Bild von dem vierlinsigen Grundobjektiv auf die Schicht abgebildet wird. Ganz afokal ist der Vorsatz freilich nicht; er hat eine positive Brennweite, die allerdings um den Faktor 14 größer ist als die Brennweite des Gesamtobjektivs. Das Grundobjektiv hat eine Brennweite von etwa 42,7 mm bei einer Schnittweite von etwas über 40 mm. Letztere wird also durch den Vorsatz nur ganz geringfügig verkürzt, was dem Klappsiegel den nötigen Bewegungsspielraum verschafft. Bei einer Brennweite des Grundobjektivs von knapp 43 mm und des Gesamtobjektivs von reichlich 28 mm hat das Vorsatzfernrohr somit einen Verkleinerungsfaktor von etwa 0,7. Um zudem den Leistungsabfall dieses lichtstarken Retrofokus-Weitwinkels im Nahbereich zu kompensieren, ist der Abstand zwischen Vorsatz und Grundobjektiv (also der Luftraum 4) variabel und an den Fokussierhub des Schneckengangs gekoppelt.

An diesem Weitwinkel ist bemerkenswert, wie Shimizu die Vignettierung in den Griff bekommen hatte. Das Achsenbüschel hat, der Lichtstärke des Objektivs entsprechend, einen Durchmesser von reichlich 14 mm. Das mit voller Hauptstrahlneigung von etwa 37 Grad einfallende Büschel hat dagegen noch einen Durchmesser von ungefähr 10,5 mm. Das entspricht einem Öffnungsverhältnis von etwa 1:2,8. Der Lichtabfall beträgt bei offener Blende also nur einen Blendenwert. Das ist auch heute noch als vorbildlich anzusehen. Nicht vorbildlich und störend ist die kissenförmige Verzeichnung von -2,77 Prozent in den Bildecken.

Man könnte nun denken, Herr Shimizu sei mit seinem Nikkor 2/28 mm vollständig ausgelastet gewesen zu sein. Aber offensichtlich parallel dazu wurde in seinem Rechenbüro an einem Nikkor 1,4/35 mm gearbeitet, mit dem die Grenze der Lichtstärke von Retrofokus-Objektiven weiter nach oben verschoben wurde [Bild oben: Neal Angrisano]. Dieses Objektiv hat in beiden Sammellinsen der Kittglieder extremes Lanthanflint-Glas mit der Brechzahl von über 1,8 bei einem Ny-Wert von 46,4. Auch für die drei bildseitigen Sammellinsen wurde hochbrechendes Glas der LaF- und LaK-Klasse verwendet. Da Besitzer dieses Objektivs von den charakteristischen Vergilbungserscheinungen berichten, können wir getrost davon ausgehen, daß einige dieser Glasarten auch größere Mengen Thorium enthalten.

Während das weiter oben beschriebene Distagon 1,4/35 mm eine Baulänge der Optik von über 80 mm aufwies, und damit unangenehm lang war, fiel das Nikkor 1,4/35 mm kaum länger aus als das oben beschriebene Nikkor 2/28 mm. Auch auf schwierig mit der nötigen Präzision herzustellende asphärische Linsen wurde verzichtet.

Während also Yoshiyuki Shimizu neue Lichtstärken-Rekorde erzielte, trieb gleichzeitig sein "firmeninterner Rivale" Ikuo Mori mit den Nikkoren 4/18 mm, 5,6/15 mm und sogar 5,6/13 mm den Bildwinkel für Retrofokus-Objektive auf immer neue Rekorde. Oben ist der Prototyp des späteren Nikkor 4/18 mm gezeigt, der ebenfalls Teil des in Japan im Oktober 1967 angemeldeten Patentes ist, das auch das Nikkor 4/20 bzw 4/40 enthält. Die Schnittweite ist auf mehr als das Doppelte der Brennweite verlängert. Die massive, sammelnd wirkende Frontlinse ist zur besseren chromatischen Kompensation als Kittglied zusammengesetzt.

Dieses Superweitwinkel [Bild oben: Neal Angrisano] gelangte allerdings erst Mitte der 1970er Jahre in den Verkauf, nachdem die Optik durchgreifend überarbeitet worden war. Man erkennt das daran, daß die Firma Nikon in ihren Veröffentlichungen nun eine deutlich größere optische Baulänge von 51,4 mm angab. Zwar ist beim Serienobjektiv die Rücklinse sichtlich dicker als bei der Patentversion, aber auch die anderen Dicken und Abstände müssen angehoben worden sein, um letztlich auf die nicht unerheblichen 6,5 mm größere Baulänge der Optik zu kommen.

Abschließend ist oben noch der Prototyp des späteren Nikkor 5,6/15 mm gezeigt, der in Japan im Dezember 1971 zum Patent angemeldet wurde. Man sieht, wie wir es zwar nach wie vor mit dem bekannten Retrofokus-Prinzip zu tun haben, dieses wurde hier jedoch zur Sicherstellung des riesigen Bildwinkels und der Erzielung der enormen Schnittweitenverlängerung auf die Spitze getrieben. Gleich vier zerstreuende Menisken aus hochbrechenden Gläsern sind in der Frontgruppe enthalten. Trotzdem verblüfft, daß die wellenförmige Kurve der Verzeichnung eine Amplitude von lediglich 2,39 Prozent erreicht. Mori hat dieses Objektiv noch weiter verbessert, bis es wirklich auf den Markt gebracht wurde. Aufgrund der extrem gekrümmten Linsen, die teils aus schwerstem Kronglas und Lanthan-Flinten bestehen, war dieses Ultra-Weitwinkel auch in der Fertigung sehr aufwendig und kostspielig.
Die Firma Nikon konnte sich dieses Ausloten der Extreme auch deshalb erlauben, weil sie eine prominente Position im Markt der Berufsphotographen innehatte, wo der Preis des photographischen Handwerksgerätes nicht unbedingt das ausschlaggebende Kriterium war. Der große mechanische Aufwand des automatischen Korrektionsausgleiches, der Einsatz teurer Lanthangläser sowie das Aufbringen mehrschichtiger Vergütungen konnten daher bei Nikon in einer Weise standardmäßig angewandt werden, wie es sich konkurrierende Firmen damals noch nicht leisten konnten. Umso größere Schwierigkeiten hatte man bei Nikon freilich, den Massenmarkt der Amateure zu bedienen, wo ein harter Preiswettbewerb stattfand. Diese Retrofokus-Weitwinkel für den Amateur mögen nicht so spektakulär wie die hauptsächlich für den Berufsanwender ausgelegten Typen sein, aus technikgeschichtlicher Sicht sind sie aber oftmals nicht weniger interessant.
2.9 Minolta: Zwischen Profi-Anwender und Massenmarkt
Man muß schon die Patentschriften der Firma Minolta Camera KK in Osaka zu Rate ziehen, um in Erfahrung zu bringen, weshalb die Konkurrenzfirma Nippon Kogaku in Tokio im Jahre 1967 keinen Patentschutz auf ihren revolutionären automatischen Korrektionsausgleich bei Retrofokus-Weitwinkelobjektiven erlangen konnte, sondern zumindest in der Bundesrepublik letztlich nur eine Gebrauchsmuster-Hilfsanmeldung zugesprochen bekam und in den USA offensichtlich gar keine Patentierung erst versuchte. Max Reiss (auch Reiß, 1903 - 2004), ein nach dem "Anschluß" aus Wien in die USA geflohener jüdischer Physiker, hatte in Rochester nämlich gegen Ende des Zweiten Weltkrieges Vergrößerungsobjektive für die Firma Kodak erarbeitet, die gezielt auf die Qualitätsanforderungen der neuen photographischen Farbverfahren ausgerichtet sein sollten. Zwar gelang ihm mit seinem US-Patent Nr. 2.455.808 vom 30. Juni 1944 eine gute Behebung des sekundären Spektrums und der sphärochromatischen Fehler, doch hatte er Schwierigkeiten, diesen Korrekturerfolg gleichmäßig über einen größeren Bereich von Abbildungsmaßstäben aufrechtzuerhalten. Er stellte daraufhin systematische Untersuchungen an, wie durch das axiale Verschieben einzelner Linsen die Verschlechterung der Bildleistung des Objektivs im Nahbereich wieder ausgeglichen werden könne. In seinem am 28. Mai 1948 nachgeschobenen Patent Nr. US2.537.912 gibt er nicht nur rechnerische Werte über den best-geeigneten Luftzwischenraum an, sondern liefert auch auch mechanische Lösungen dafür, wie die Änderung des besagten Luftzwischenraumes an die Verstellung des Abbildungsmaßstabes bzw. der Schärfe gekoppelt werden könne.

Damit war das Grundprinzip des automatischen Korrektionsausgleiches bereits 1948 gesichert worden und deshalb konnte die Firma Nikon in ihrem Bundesgebrauchsmuster Nr. 6.606.937 auch nur noch dessen Anwendung in Hinblick auf Retrofokus-Weitwinkelobjektive für sich als Neuerung beanspruchen. Doch gerade hier hatte dieses Verfahren der "floating elements" ja auch eine zentrale Bedeutung, wenn man als konkurrierender Objektivhersteller bei der Weiterentwicklung lichtstarker Retrofokus-Weitwinkel irgendwie am Ball bleiben wollte. Dem Minolta-Konstrukteur Toshinobu Ogura kommt nun das Verdienst zu, für das Prinzip des Korrektionsausgleichs noch einmal einen gänzlich neuen Ansatz gefunden und dabei die nötige Erfindungshöhe erreicht zu haben, um das Verfahren auch für die Firma Minolta patentfähig zu machen.

Dazu schlug Ogura im Bundespatent Nr. 2.224.429 vom 19. Mai 1972 (in Japan schon am 24. Mai 1971 angemeldet) vor, die Verschiebung von einzelnen Linsen im Retrofokusobjektiv nicht allein dafür zu nutzen, um das Ausbrechen der Bildfeldwölbung im Nahbereich zu kompensieren, sondern um darüber hinaus diese Wölbung des Bildfeldes gezielt so zu steuern, daß die Abbildungscharakteristik des Objektives beeinflußt werden kann. Und zwar in der Hinsicht, daß neben einer völlig planen Abbildung nach Belieben auch eine konvexe oder konkave Bildkrümmung eingestellt werden könne. Die Idee dahinter war, daß schließlich nur selten Motive photographiert werden, die ihrerseits völlig plan sind, sondern sie haben meist eine mehr oder weiniger ausgeprägte Tiefenstaffelung. Vor allem bei Weitwinkelobjektiven mit ihren großen Bildwinkeln werden oft viele Motivteile in den Randbereichen erfaßt, die dann vor allem bei voller Objektivöffnung nicht mehr von der Schärfentiefe abgedeckt werden. Ein typisches Beispiel dafür ist, wenn in der Reportagephotographie in eine Menschengruppe hineinphotographiert wird. Die Menschen am Rand stehen dann meist näher an der Kamera als in der Mitte des Bildes. Durch Einführung einer künstlichen Bildfeldkrümmung wären diese Personen im Randbereich trotz geringer Schärfentiefe genau so scharf abbildbar wie die weit entfernten in der Bildmitte. Dazu hatte Toshinobu Ogura einen automatisch arbeitenden Korrektionsausgleich ähnlich wie bei Nikon vorgesehen, der aber durch einen zusätzlichen Einstellring manuell beinflußt werden konnte um eine künstliche konvexe oder konkave Feldkrümmung vorzugeben. Diese Einrichtung wurde von Minolta "Variable Field Curvature VFC" genannt.

Oben ist dieser zusätzliche Einstellring am Minolta Rokkor VFC 2,8/24 zu sehen und wie die Wirkung des Verstellgrades auf verständliche Weise mithilfe der Objektivgravur visualisiert wurde. Man erkennt gut, welch riesiger Tiefenbereich analog zur Schärfentiefe gewonnen werden konnte, ohne jedoch abblenden und die Belichtungszeit verlängern zu müssen. Der große Vorteil lag außerdem darin, daß die Wirkung der Verstellung im Sucher der Spiegelreflexkamera genau kontrolliert werden konnte – und zwar im Unterschied zur Schärfentiefenkontrolle bei voller Helligkeit des Sucherbildes.
Der Firma Minolta scheint aber bewußt gewesen zu sein, daß dieses Sondermerkmal ihres lichtstarken 24-mm-Objektives längst nicht den gesamten Käuferkreis interessieren würde. Dieses Weitwinkel wurde daher auch auch in einer vereinfachten Version mit einem fest an die Entfernungseinstellung gekoppelten Korrektionsausgleich ohne zusätzliche manuelle Eingriffsmöglichkeit zu einem deutlich günstigeren Preis angeboten. Dieses Rokkor 2,8/24 mm bot für die damalige Zeit eine sehr gute Bildleistung und wurde gar zu einem der Kaufargumente für das gesamte Minolta-System. Zu bemerken ist noch, daß das Serienobjektiv abweichend von der oben wiedergegebenen Patentzeichnung neunlinsig aufgebaut war, indem die Linse Nummer 4 des Patent-Prototyps weggelassen wurde. Der exakte Linsenschnitt wurde bereits eingangs im Abschnitt 1 gezeigt – hier in Form des Leitz Elmarit 2,8/24 mm, das optisch mit dem Rokkor identisch ist. Leitz hatte das Weitwinkelobjektiv in der Phase der Kooperation mit Minolta während der 70er Jahre übernommen und die Minolta-Optik in eine eigene Fassung eingebaut. Leitz fertigte dieses Objektiv mit eigenen Gläsern bis in die 1990er Jahre weiter, nachdem Minolta die Konstruktion bereits Anfang der 80er Jahre durch ein einfacheres und kompakteres Objektiv ersetzt hatte. Dieser Umstand, daß Leitz diese Konstruktion derart lange im Programm behielt, läßt erkennen, welch hohen Leistungsstand das Rechenbüro Oguras bereits Anfang der 70er Jahre erreicht hatte. Als Kuriosum sei noch erwähnt, daß sein 1972 angemeldetets Patent erst im August 1989 erteilt wurde. Offensichtlich hat es um die Priorität des floating-Verfahrens hinter den Kulissen intensive Auseinandersetzungen zwischen den Herstellerfirmen gegeben.

Der noch zehnlinsige Prototyp des Rokkor 2,8/24 mm. Oben mit einem dreiteiligem Objektivschneckengang (2; 6 und 9). Unten wurde dieser so vereinfacht, daß nur noch zwei zusammengelegte Gewinde-Paare (45 und 52) nötig waren.

Man muß sich auch vor Augen führen, was für eine große Herausforderung ein solches Retrofokus-Weitwinkelobjektiv mit automatischem Korrektionsausgleich damals auch in Bezug auf das Herstellen der Objektivfassung bedeutete. Moderne Objektive arbeiten mit einer sogenannten Geradführung, das heißt man dreht zum Zwecke der Scharfstellung einen äußeren Einstellring – die Optik samt Blendenmechanismus wird dabei aber axial verschoben ohne sich selbst zu drehen. Dazu sind im Objektiv zwei Paar Einstellgewinde nötig. Sollen obendrein einzelne Elemente oder Linsengruppen unabhängig vom Fokussierhub verschoben werden, dann bedarf es noch eines weiteren Satzes an Einstellgewinden. Das verkompliziert (und verteuert) die Herstellung der Objektivfassung immens. Mit dem Bundespatent Nr. 2.227.448 vom 6. Juni 1972 [Japan: Nr. JP48539-71 vom 9. Juni 1971, Shigeaki Sugano] wurde daher der mechanische Aufwand für das 2,8/24 mm zunächst auf zwei Paare an Einstellgewinden reduziert.
Nach etwa zehn Jahren wurde das Minolta 2,8/24 mm durch ein deutlich kürzeres Objektiv abgelöst. Es hatte auch ein kleineres Filtergewinde, das sich beim Scharfstellen nicht mehr mitdrehte, was auf eine Abkehr vom bisherigen Korrektionsausgleich schließen läßt. Der Aufbau der Frontgruppe wurde auf positiv, negativ, negativ abgeändert. Der zeitgenössische Drang zur Kompaktbauweise ging jedoch ein wenig zulasten der Bildleistung.
In der Praxis ergaben sich mit diesen Schneckengängen aber große Probleme. Ein Gewinde braucht immer ein Spiel, um einstellbar zu bleiben. Im Hinblick auf die Gesamtverstellung eines optischen Systems zum Zwecke der Scharfstellung ist ein solches Spiel weitgehend unkritisch. Da nun jedoch für den Korrektionsausgleich einzelne Elemente oder Gruppen INNERHALB des Objektives verschoben werden sollten, wuchsen die Präzisionsanforderung an die Gewinde immens. Sie mußten genau zentrisch und außerdem exakt gerade in die Tuben des Objektives eingeschnitten werden, weil jede Dezentrierung der optischen Achse oder Verkippung der Linsen die Bildleistung eines Hochleistungsobjektives vollkommen zerstören kann.

Auf dieses Problem reagiert das Bundespatent Nr. 2.339.723 vom 6. August 1973 [Japan: Nr. JP47-92617 vom 7. August 1972, Kyozo Uesugi]. Zitat: "Ein Knick in der optischen Achse eines Linsensystems wirkt sich aber auf die Abbildung mindestens ebenso verheerend aus wie die Aberrationsfehler, denen mit der relativen Verstellung der Linsengruppen zueinander entgegengewirkt werden soll." Ganz gleich wie präzise man die Gewinde in die Tuben auch einschnitt, allein das besagte Gewindespiel konnte unzulässige Maßabweichungen nach sich ziehen. Für Minolta ergab sich die Einsicht, daß auf diese Weise keine technisch beherrschbare und ökonomisch sinnvolle Fertigung möglich sei. Die Lösung des oben genannten Patentes bestand nun darin, daß statt einer Gewinde- eine Hülsenanpassung (15) vorgesehen war. Derartige Hülsen lassen sich mit geringem Aufwand in hoher Präzision mithilfe eines üblichen Zylinderschleifverfahrens herstellen. Die Verstellung dieser Hülse um den richtigen Betrag erfolgte mit der Führungsnut 16. Mit diesem vereinfachten Aufbau war ein Retrofokus-Weitwinkel mit floating elements "für Jedermann" möglich geworden.

Die Firma Minolta war sogar noch ein Jahr früher als Nikon mit einer Kleinbild-Reflexkamera am Markt erschienen. Auch wenn die Kameras sofort ein großer Wurf waren mit einer guten Verarbeitungsqualität, so sieht man doch, wie es anfänglich an adäquaten Objektiven mangelte. Erst nachdem die Kamera schon mehr als ein Jahr am Markt war, lieferte Minolta ein Weitwinkelobjektiv 2,8/35 mm nach. Und seit 1963 soll es dann ein Rokkor 3,5/28 mm gegeben haben, das in etwa auf dem Stand des Angénieux Retrofokus 3,5/28 mm von zehn Jahre zuvor war, erkennbar am großen Frontdurchmesser.

Im Jahre 1966 wurde dieses Objektiv aber komplett überarbeitet mit dem Ergebnis, daß die Optik deutlich verkleinert werden konnte. Nicht nur die Baulänge wurde verkürzt, sondern vor allem auch der Durchmesser der Frontlinse. Da dieses Objektiv in einer japanischen Patentschrift überliefert ist, läßt es sich an dieser Stelle auch einmal exakt nachvollziehen. Mit ihrer konkaven Fläche Richtung Ding gewölbte, dünne, sammelnde Menisken haben wir bereits im ersten Abschnitt bei Hans Lautenbacher gesehen. Hier war dieser Meniskus zwischen zwei zerstreuende Elemente eingebettet. Ein Grundobjektiv als Tripletkonstruktion mit zwei bildseitigen Sammellinsen war mittlerweile herstellerübergreifend zur Standardlösung geworden.

Toshinobu Ogura (japanisch: 者 小倉 敏 誠), der auch das eingangs besprochene Rokkor 2,8/24 mm konstruiert hat, hatte bereits zuvor für Minolta spektakuläre Retrofokus-Weitwinkelobjektive geschaffen. So zum Beispiel das W.Rokkor-HH 1,8/35 mm. Damals wurden noch keine Patentierungen in Europa vorgenommen, daher existiert nur eine japanische Schutzschrift Nr. 4539874 vom 19. Juli 1967. In dieser fallen die für die damalige Zeit ausgesprochen hochbrechenden Glasarten auf und darunter speziell der Einsatz teurer lanthanhaltiger Schwerkrongläser. Im Verbund mit der neuen SR-T 101, die im Jahr zuvor vorgestellt worden war und die eine Innenlichtmessung bei Offenblende zu bieten hatte, brachte die Firma Minolta die Sparte der auf den gehobenen Amateurbedarf ausgerichteten Spiegelreflexkameras auf ein neues Niveau. Und die europäischen Kamera- und Objektivhersteller waren binnen kurzer Zeit eklatant ins Hintertreffen geraten.

Das Grundprinzip des Retrofokus wiederholt sich: Auf die vorgesetzte zerstreuende Komponente folgt eine Sammellinse, die deren starke negative Wirkung zum Teil wieder kompensiert. Das eigentliche Bild wird dann von einer Triplet-Abwandlung erzeugt. Auch hier hatte dieses Triplet bildseitig zwei Sammellinsen und die hintere von beiden war als Achromat aufgebaut, bei dem zwei Linsen mit ähnlichen Brechzahlen, aber weit voneinander abweichenden Ny-Werten miteinander verkittet wurden. Hinter solchen Maßnahmen verbergen sich die "Tricks", mit denen die Konstrukteure Bildfehler wie die Farbkoma auskorrigieren, die bei diesen großen Bildwinkeln und Öffnung eine wichtige Rolle spielt. Und eins noch: es ist nicht ganz klar, ob dieses Objektiv wirklich genau 35 mm Brennweite hat, doch ist das genau der Wert, der zum im Patent angegebenen Bildwinkel von 64 Grad führt. Die korrespondierende Schnittweite von 36,75 mm könnte noch lang genug für die Minolta-Kameras sein.
2.10 Pentax: Qualität im Preisbereich des Amateurs
Bis weit in die 50er Jahre hinein hatte die deutsche Photoindustrie beiderseits des Eisernen Vorhangs die aufstrebenden Kamerabaufirmen in Japan noch fatal unterschätzt. Es kommt ja nicht von ungefähr, daß die DDR der Firma Asahi Kogaku den Markennamen "Pentax" verkauft hatte, der ebenso wie "Pentacon" eine von Zeiss Ikon verwendete Abkürzung für "Pentaprisma-Contax" gewesen ist. Dieser Name war von der Firma in Tokio zunächst mißbräuchlich verwendet worden; genauso wie sie die Praktica bis ins Detail kopierte. Doch von diesem Niveau des bloßen Nachahmers etablierten sie sich mit immer größeren Schritten und seit Beginn der 60er Jahre gehörte Asahi Pentax zu den schärfsten Konkurrenten für den Dresdner Kamerabau.
Pentax Spiegelreflexkameras boten dem Amateur eben unglaublich viel für bezahlbares Geld. Der gute Ruf, den sich die Firma auf dem amerikanischen Markt und in Großbritannien erworben hatte, sorgte bald auch für eine vermehrte Verbreitung von Pentax-Spiegelreflexkameras im übrigen Westeuropa. Da Asahi auch den M42-Gewindeanschluß von der Contax S und der Praktica übernommen hatte, kam es nicht darauf an, unbedingt gleich ein volles Sortiment an Wechselobjektiven anbieten zu müssen – schließlich paßten problemlos die Objektive der unterschiedlichsten Hersteller. So verwundert auch nicht, daß ein erst im Jahre 1959 eingeführtes Weitwinkelobjektiv Takumar 3,5/35 mm wenig bahnbrechend aufgebaut war: Wie bei Tronniers Skoparon von 1952 war vor einem Tessar-Grundobjektiv ein zerstreuender Meniskus gesetzt, der bei Pentax allerdings auffällig dünn und stark durchbogen gestaltet wurde. Diese minimalistische Lösung änderte allerdings nichts daran, daß dieses Objektiv sehr beliebt war und fast 20 Jahre lang im Lieferprogramm verblieb. Sogar die Umstellung vom Gewinde- zum Bajonettanschluß hat dieses betagte Objektiv noch miterlebt.

Die Bedeutung der Marke Pentax auf dem Markt der Spiegelreflexkameras wuchs noch einmal beträchtlich, als ab 1964 mit dem Modell Spotmatic die Innenlichtmessung für Jedermann eingeführt worden war. Diese Kamera zeichnete sich zudem durch ihr kompaktes und wohlgeformtes Gehäuse aus. Hatte Pentax 1962 zunächst ein Takumar 3,5/28 mm herausgebracht, das als ungenierter Nachbau des weiter oben besprochenen Angénieux 3,5/28 mm angesehen werden muß, so betrat die Firma kurze Zeit später mit einem völlig neu entwickelten Takumar 3,5/28 mm endlich die Bühne der patentfähigen Retrofokus-Konstruktionen.
Dabei lag die patentfähige Neuerung dieses Takumar 28 mm nicht in einem außergewöhnlich großen Bildwinkel oder gar einer besonders hohen Lichtstärke, sondern in einer für ein derartiges Objektiv bislang nicht gekannten Kompaktheit. So trägt die deutsche Version des Patentes mit der Nummer DE1.572.554 vom 31. August 1967 auch den schlichten Titel "Kleines Weitwinkelobjektiv". In Japan war die Patentanmeldung bereits im Jahr zuvor am 10. September 1966 vorgenommen worden. Erfinder war Tomokazu Kazamaki. Die Kurven in der Patentschrift lassen zudem eine ausgewogene Bildleistung erkennen, die auch im Nahbereich nicht spürbar nachläßt. Quatsch ist natürlich das Koordinatensystem, das die Verzeichnungskurve darstellt. Bei dem Maßstab mit +/- 10 auf der y-Achse macht auch das schlechteste Objektiv eine gute Figur. In Wahrheit liefert das Takumar 3,5/28 mm etwa 2,2% Verzeichnung an den seitlichen Bildrändern.


Ganz großes High-Tech war dieses Takumar 3,5/28 mm natürlich nicht. Die Vignettierung in den Bildecken beträgt bei offener Blende mehr als zwei Blendenstufen, was bei Aufnahmen auf Farbumkehrfilm sichtbar werden konnte. Abgeblendet auf 1:8 sind diese Vignettierungserscheinungen dann vollständig verschwunden. Das entsprach ohnehin der Arbeitsblende des Photoamateurs. Daher entwickelte sich auch diese kleine Weitwinkel zum beliebten Pentax-Dauerbrenner.
Weniger als ein Jahr darauf gelang dem Konstrukteur Yasuo Takahashi für Pentax die Überschreitung der 80-Grad-Marke. Das japanische Patent für das Takumar 3,5/24 mm Nr. 42-47511 wurde am 24. Juli 1967 angemeldet, eine US-amerikanische Schutzschrift folgte fast ein Jahr später am 10. Juli 1968. Damit betrat die Firma Asahi Kogaku Kogyo in Tokio das Feld der Superweitwinkelobjektive in Retrofokusbauweise, womit sie nunmehr zur Spitzenriege der Objektivhersteller auf dem Weltmarkt zu zählen war.
Dieses Takumar 3,5/24 mm bildete zwar für Asahi Pentax den Anschluß an die Trends auf dem Photomarkt – mit den aufwendigen Konstruktionstätigkeiten beim Konkurrenten Nikon (siehe Abschnitt 8) konnte dieses Weitwinkel jedoch nicht mithalten. Das war aber auch weder angestrebt noch notwendig, weil Pentax eher auf den Marktsektor des gehobenen Photoamateurs abzielte und dieser hatte stets aufs Budget zu achten. Also wurde bewußt auf einen automatischen Korrektionsausgleich verzichtet und auch die moderaten Glassorten deuten auf eine gezielt preisbewußte Konstruktion hin. Trotzdem lassen die Kurven aus der Patentschrift eine für damalige Verhältnisse ganz ordentliche Bildleistung erkennen.

Die große Frontgruppe des Takumar 3,5/24 mm, die typisch für Retrofokusobjektive dieser Ära ist, sorgte allerdings in der Praxis für eine merkliche Streulichtempfindlichkeit, weshalb der Hersteller wohlweislich eine exakt zugeschnittene Gegenlichtblende mitlieferte. Dieser Nachteil besserte sich etwas, als Pentax Anfang der 70er Jahre die Mehrschichtvergütung einführte. Aber das ziemlich großvolumige Objektiv war dann zu diesem Zeitpunkt ohnehin nicht mehr auf der Höhe des technischen Standes, weshalb es bei Umstellung auf das K-Bajonett aus dem Programm genommen wurde. Es wurde von Yasuo Takahashi durch ein neues Pentax 2,8/24 mm ersetzt, das mit der deutschen Patentschrift Nr. 2.520.495 vom 7. Mai 1975 geschützt wurde.

Für das Konstruktionsjahr 1967 war das Takumar 3,5/24 mm durchaus ein bemerkenswertes Objektiv. Durch die großzügigen Linsendurchmesser ist die Vignettierung ziemlich gering. Die Verzeichnung erreicht kurz vor den Bildecken einen Maximalwert von 2,84 Prozent, was für ein Superweitwinkel auch heute noch ein guter Wert ist.

Obwohl Yasuo Takahashi ein Superweitwinkelobjektiv 3,5/20 mm entwickelt hatte (DE2.143.701 vom 1. September 1971) wurde nur ein deutlich lichtschwächeres Takumar 4,5/20 mm gebaut. An diesem Objektiv sieht man noch mehr, wie die Position der Marke Pentax auf dem Photomarkt nach deutlichen Kompromissen in bezug auf die Kosten verlangte. Von Spitzenkonstruktionen wie dem Nikkor 3,5/20 oder dem Canon FL 3,5/19 war man deutlich entfernt. Doch für den Photoamateur, auf den sich Asahi ausgerichtet hatte, spielte dies eine untergeordnete Rolle. Für den zählte das insgesamt gute Preis-Leistungs-Verhältnis, das Pentax bot und das die Marke damals so erfolgreich machte.

Erwähnt werden sollte auch noch ein Super-Takumar 2/35 mm, das im Jahre 1966 von Takahashi entwickelt worden war und das für Pentax den Anschluß an die moderne Retrofokus-Entwicklung bildete. Die Firma hatte nämlich zuvor bereits ein 2/35 mm im Angebot, das allerdings lediglich aus einem Gaußobjektiv mit vorgesetztem Streuelement bestand und dementsprechend großvolumig ausfiel. Das neue Super-Takumar 2/35, das im US-Patent Nr. 3.506.336 vom 27. September 1967 (Japan: 30. September 1966) niedergelegt wurde, konnte dagegen deutlich kürzer und schlanker gebaut werden und war zudem für damalige Verhältnisse sehr leistungsfähig.

Man erkennt an der Schnittzeichnung gut den gedrängten Aufbau aus vielen einzeln stehenden Elementen sowie die weit ans Grundobjektiv gerückte Frontlinse, wodurch deren Durchmesser klein gehalten werden konnte. Die Patentschrift läßt aber auch erkennen, daß dazu in drei Linsen hochbrechendes Glas mit der Brechzahl 1,7725 und einem ny-Wert von 49,6 zum Einsatz gebracht werden mußte. Die Bildleistung war sehr gut, die wellenförmige Distorsion hatte eine Amplitude von 1,81 Prozent.

Wenn man beim Takumar 2/35 mm genau hinschaut, dann erkennt man Lautenbachers Richtung Dingseite durchbogenen sammelnden Meniskus aus dessen Super-Lithagon 2,5/35 mm wieder. In der US-Patentschrift wird Lautenbachers Erfindung auch zitiert. Darin mag die Ursache liegen, daß Asahi Pentax in den Bundesrepublik keinen Patentschutz erteilt bekam.
In der Folgezeit hatte Yasuo Takahashi (zusammen mit Sadao Okudaira) noch ein Superweitwinkel 3,5/18 mm entwickelt [DE2.323.672 vom 10. Mai 1973; Japan 11. Mai 1972], das allerdings erst in die Serienfertigung gelangte, nachdem Pentax ab 1975 vom Gewindeanschluß auf das neu entwickelte K-Bajonett gewechselt hatte. Im Zuge dieser Umstellung des Objektivanschlusses, die Pentax-Kameras konkurrenzfähig halten sollte, kam es zu einer weitgreifenden Erneuerung der gesamten Objektivpalette. Besonders bemerkenswert war dabei eine ganze Reihe an auf größte Kompaktheit ausgelegten Objektiven ("M-Serie"), die speziell die "Platzhirsche" Nikon, Canon und Minolta unter Zugzwang brachten, nun ebenfalls preiswerte Kompaktobjektive zu entwickeln. Dagegen kamen ambitionierte Pentax-Projekte wie ein 1,4/20 mm [DE2.614.371 vom 2. April 1976, Japan: 4. April 1975] jedoch nicht über eine Nullserienproduktion hinaus. Pentax blieb bis weit in die 90er Jahre DER Anbieter für qualitätsbewußte Ein- und Aufsteiger – Ausflüge ins teure Profisegment, wie sie mit der Pentax LX gewagt wurden, waren im Vergleich deutlich weniger erfolgreich. Allein im Mittelformat gelang es Pentax insbesondere mit seiner 6x7-Kamera, über Jahrzehnte hinweg dauerhaft einen Fuß in den Profi-Sektor zu setzen.

Dabei könnte man freilich darüber streiten, ob Pentax nicht auch im Mittelformat-Sektor eher dieses Feld der Ein- und Aufsteiger abdeckte, als daß die oben gezeigte Pentax 6x7 auf derselben Ebene wie Hasselblad, Rollei, Mamiya und Bronica rangiert hätte. Für diese These würde sprechen, daß das oben an der Kamera angebrachte Takumar 4,5/75 mm nichts anderes darstellt als ein auf das Mittelformat umgemünztes Takumar 3,5/35 mm, wie es eingangs besprochen wurde: Also ein Tessar als Grundobjektiv mit einem stark gewölbten Meniskus als Vorsatz. War das bei den kurzen Brennweiten des Kleinbildes noch unproblematisch, so geriet diese Mittelformat-Variante fast schon lächerlich groß und lichtschwach zugleich. Dabei hätte es als Schnappschußbrennweite kompakt und "schnell" sein müssen. Trotzdem blieb auch dieses Objektiv erstaunlich lang im Angebot – wohl wiederum des günstigen Preises wegen.
Das Bild oben faßt noch einmal gut zusammen, welche Fortschritte bei der Konstruktion von Retrofokus-Objektiven im Laufe eines Vierteljahrhunderts erzielt worden waren Das besagte Takumar 4,5/75 mm als Vertreter der rudimentärsten Bauform des Retrofokus ist dem Pentax 4/45 mm gegenübergestellt, das deutlich von den Optimierungsarbeiten der 70er Jahre geprägt ist. Gut sieht man beim 75er Takumar links die stark gewölbte Zerstreuungslinse, die weit vor das kleine Grundobjektiv gesetzt werden mußte. Trotz der höheren Lichtstärke, der neun statt nur fünf Linsen und des fast 30 Grad größeren Bildwinkels, ist das 45-mm-Objektiv rechts 30 Prozent kürzer und auch 20 Prozent leichter als 75-mm-Objektiv. Diese Baulänge derart zu verkürzen und den Durchmesser der gesamten Frontgruppe klein zu halten, war nur möglich durch das Einfügen starker Zerstreuungslinsen im vorderen Systemteil, die entsprechend weit an das Grundobjektiv herangeführt werden mußten. Mit dieser Vorgehensweise handelte man sich aber erhebliche Bildfehler ein. Oder wie es Doktor Glatzel in seinen Patentschriften auszudrücken pflegte: "Aus den negativen Brechkräften resultiert eine starke Anspannung dieser vorderen Gruppe und es werden Bildfehler höherer Ordnung in das System induziert." Die Frontgruppe zu optimieren und das Gesamtsystem auszukorrigieren – dabei halfen mittlerweile automatisch korrigierende Computerprogramme. Ohne die wären die enormen Fortschritte bei Retrofokus- und Vario-Objektiven seit den späten 60er Jahren gar nicht denkbar gewesen.
2.11 Olympus: Meister der Nische, Meister des Retrofokus
Über die oben im Zusammenhang mit der Firma Pentax erwähnte Entdeckung der Kompaktbauweise in der zweiten Hälfte der 70er Jahre konnte man bei der ebenfalls in Tokio ansässigen Olympus Optical Company sicherlich nur müde lächeln. Schließlich baute diese Firma schon seit vielen Jahren zierliche Sucherkameras und eine Spiegelreflexkamera im sogenannten Halbformat 18x24 mm. Und der Kompaktbau blieb auch oberstes Konstruktionsprinzip, als sich Olympus Anfang der 70er Jahre dazu entschlossen hatte, ihr Angebot um ein Spiegelreflexsystem der Bildgröße 24x26 mm zu erweitern.

Und genau deshalb weil das Olympus-Reflexsystem mit dem Einführungsjahr 1972 erst recht spät auf dem Kameramarkt erschien, stehen auch die zugehörigen OM-Weitwinkelobjektive automatisch für einen gewissen Höhepunkt in der Entwicklungsgeschichte des Retrofokus-Objektives. Sie zeigen, was einerseits mit der neuartigen Rechentechnik für Fortschritte möglich waren, auf der anderen Seite aber auch, wie stark die neuen Konstruktionen auf dem bereits durch andere Hersteller erarbeiteten Prinzipien basierten. So wurde der Patentüberlieferung zufolge die Retrofokus-Entwicklung bei Olympus von dem Konstrukteur Turo Fujii eingeleitet, der für das Zuiko 2,8/35 mm Korrekturansätze von Rodenstock und Zeiss Oberkochen aus den 1950er Jahren zusammenführte, wie sein Bundespatent Nr. 2.102.600 vom 20. Januar 1971 aufzeigt [Japan: 23. Januar 1970].

Das Problem liegt darin, daß Bildfehler wie die sphärische Aberration, die Koma und der Farbvergrößerungsfehler stark anwachsen, wenn die Brechkraft der vorgesetzten Zerstreuungslinse zu groß ist. Sie muß aber groß genug sein, um eine ausreichende Schnittweitenverlängerung zu erzielen. Franz Schlegel bei Rodenstock hatte daher bereits im Jahre 1955 zwischen dem Grundobjektiv und dem Vorsatzmeniskus eine schwach positiv wirkende Linse von größere Dicke eingeführt, mit der er auch die Verzeichnung unter Kontrolle bringen konnte [DE1.017.382]. In einem Gebrauchsmuster von Zeiss Oberkochen war zudem eine dünne, meniskenförmige Sammellinse vor dem Tessar-Grundobjektiv eingeführt worden. [DE1.759.211 vom 12. November 1957]. Turo Fujii führte diese beiden Maßnahmen zusammen, um ein kleines 35-mm-Weitwinkel mit einer guten Bildfehlerberichtigung und geringer Streulichtempfindlichkeit zu schaffen.


Dieses Olympus-Weitwinkel war aufgrund des gedrängten optischen Aufbaus ziemlich kompakt geraten. Da vergleichsweise billige Glasarten auf dem Stand der 1950er Jahre zum Einsatz kamen (nur das Kittglied enthält eine Sammellinse aus Lanthan-Kron), war das Objektiv auch für den Amateur erschwinglich. Es wird aber auch deutlich: Ein Argument dafür, unbedingt auf das Olympus-Reflexsystem zu setzen, war dieses Objektiv noch nicht. Beim Nachrechnen des Objektivs hat sich übrigens herausgestellt: das Deutsche Patent enthält einen Fehler beim Radius R7. Zum Glück hat sich die originale Anmeldeschrift erhalten, die zwar nur mit Schreibmaschine geschrieben ist, dafür aber den richtigen Krümmungshalbmesser angibt.

Dieses einfache 35-mm-Objektiv konnte natürlich nur einen ersten Anfang zum Aufbau eines neuen Kamerasystems bilden. Weiter vorangetrieben wurde die Retrofokus-Entwicklung bei Olmypus daher zusätzlich von einem zweiten Konstrukteur namens Nobuo Yamashita, der in den folgenden Jahren einige Spitzenkonstruktionen hervorbringen konnte, die bis heute beispielhaft geblieben sind. Seine erste Aufgabe bestand aber darin, ein Weitwinkel mit kürzerer Brennweite zu schaffen, um die mittlerweile auf dem Markt erschienene Olympus OM-1 ergänzen zu können. Auch hier stand erst einmal keine besonders große Lichtstärke im Vordergrund, sondern eine möglichst kompakte Bauweise. Ergebnis war das Olympus Zuiko 3,5/28 mm, das im Bundespatent Nr. 2.205.380 vom 4. Februar 1972 geschützt wurde.

Auch Yamashita hatte sich wiederum bei bestehenden Konstruktionen bedient; und zwar in diesem Fall bei dem weiter oben bereits beschriebenen Takumar 3,5/28 mm von Pentax aus dem Jahre 1967, dessen Grundaufbau er aufgriff und so abänderte, daß er ein noch kompakteres 28-mm-Weitwinkelobjektiv erreichen konnte. Dazu hatte er den großen Glasblock in der Zwischenlinsengruppe in zwei Einzellinsen aufgespaltet, worauf hin er an dieser Trennstelle eine Luftlinse mit negativer Brechkraft einfügen konnte, mit der er eine wesentliche Verlängerung der bildseitigen Schnittweite erzielte, ohne die Brechkraft der vorderen negativen Gruppe weiter erhöhen zu müssen. Dadurch konnten die Baulänge des Objektivs und der Durchmesser der Frontlinse verkleinert werden, ohne daß die Bildfehler aus dem Ruder gerieten.

Wenn man die Bildfehlerkurven zwischen Kazamakis Takumar 3,5/28 mm und Yamashitas Zuiko 3,5/28 mm direkt miteinander vergleicht, dann erkennt man, daß letzteres fast dieselbe Leistung in Bezug auf die sphärische und chromatische Aberration erreicht, dagegen der Astigmatismus im Randbereich deutlich besser korrigiert werden konnte.
Yamashita geht in seinem Patent aber auch noch auf eine interessante Eigenschaft der Retrofokus-Weitwinkelobjektive ein: Mit den unten gezeigten Kurven dokumentiert er die außergwöhnlich gute Randausleuchtung seines kurz gebauten Weitwinkelobjektivs. Über diesen Aspekt, daß Retrofokus-Objektive durch ihre besondere Bauweise eine scheinbare Vergrößerung der Eintrittspupille für schräg einfallendes Licht ermöglichen, wurde in diesem Aufsatz bislang noch gar nicht eingegangen. Die Hintergründe dazu sind näher im Artikel zum Jenaer Flektogon 4/25 mm erklärt, wo auch ein instruktiver Vergleich zum konventionell gebauten Weitwinkelobjektiv Topogon 4/25 mm gezogen wird, das im Gegensatz zum Flektogon eine entsprechend starke Randabdunkelung zeigt.

Während sich nun bei derartigen konventionell gebauten Objektiven mit zunehmendem Bildwinkel die Eintrittspupille in ein immer schmaler werdendes Kreiszweieck ("Katzenauge") verengt, bewirken die stark zerstreuenden Linsen in der Frontgruppe eines Retrofokus eine künstliche Erweiterung dieser Eintrittspupille, die zu einer weitgehenden Kompensation dieses Randlichtabfalls führt. Wie man anhand der obigen Abbildung zu den ersten beiden Konstruktionsbeispielen des Patentes erkennt, ließ sich trotz des lang gestreckten Baus eines solchen Retrofokus eine sehr ausgewogene Ausleuchtung bis in die Bildecken erzielen, was im Patent als Blendenwirkungsgrad bezeichnet wird. Schon bei einer Abblendung auf 1:5,6 konnte diese aufgrund des langgestreckten Baus der Optik hervorgehobene künstliche Vignettierung gegen Null gebracht werden. Es darf allerdings nicht verschwiegen werden, daß dieser Vorteil der Aufweitung der Eintrittspupille für seitlich einfallendes Licht auch in einem engen Zusammenhang mit dem starken Ausbrechen der Bildfehler Richtung Bildränder steht, die das Auskorrigieren bei den Retrofokus-Objektiven so dermaßen erschwerte.

In die Produktion überführt wurde jedoch letztlich nicht die oben besprochenen Varianten 1 und 2 des Patentes, sondern die Variante 3. Diese hatte den Vorteil, daß sie eine noch stärkere Verkürzung der Optik möglich machte. Wiesen die ersten beiden Patentbeispiele eine Baulänge vom 1,54-fachen der Brennweite auf, so war das Patentbeispiel 3 nur noch weniger als 36 Prozent länger als die Brennweite. Das ging etwas zu Lasten des Durchmessers der schräg einfallenden Büschel, wodurch das Serienobjektiv erst bei Blende 8 frei von künstlicher Vignettierung wird. Die Amplitude der Verzeichnung betrug -2,3%, was noch im tolerablen Bereich lag. Dieses Objektiv bestand fast vollständig aus schweren und schwersten Krongläsern. Nur die Zerstreuungslinse des Grundobjektivs ist aus schwerem Flintglas. Dieser hohe Aufwand schlug sich in einer für damalige Verhältnisse überdurchschnittlich hohen Abbildungsleistung nieder.

Auch bei diesem Objektiv gibt es wieder die Diskrepanz, daß das Patent ausdrücklich auf einen Bildwinkel von 76 Grad ausgelegt ist, in den Prospekten der Firma Olympus jedoch von 75 Grad die Rede ist. Diese 76 Grad würden sehr gut zur Nennbrennweite von 28 mm passen. In Wahrheit wird aber auch dieses Zuiko 3,5/28 mm eine reale Brennweite von 28,4 ... 28,6 mm haben, die dann zu den angegebenen 75 Grad Bildwinkel paß. Alle obigen Zahlen wären dann mit diesem kleinen Faktor 1,01 ... 1,02 zu multiplizieren.

Mit diesen beiden Weitwinkelobjektiven hatte man bei Olympus jedoch gerade einmal eine gewisse Grundausstattung für das neue Kleinbild-Reflexsystem geschaffen. Um an die etablierten Hersteller aufschließen zu können, wurde die Entwicklung aber in rascher Folge vorangetrieben. Toru Fujii schuf das oben gezeigte Zuiko 2/28 mm, das er sich im Bundespatent Nr. 2.303.852 vom 26. Januar 1973 (Japan: 26. Januar 1972) schützen ließ. Auch hier fällt wieder die lange Prüfzeit des Patentamtes auf, die erst 1984 zu einer Erteilung führte. Serienmäßig gefertigt wurde dabei das Ausführungsbeispiel Nummer zwei von insgesamt fünf.

Das Zuiko 2/28 mm arbeitet mit einem automatischen Korrektionsausgleich, ohne daß dies in der Patentschrift näher thematisiert würde. Es wird aber Bezug genommen auf das DBP Nr. 2.004.245 von Nikon, dessen Lichtstärke von 1:2,8 auf 1:2,0 angehoben wurde, wordurch sich eine neue Erfindungshöhe ergeben hat, die das Olympus-Objektiv patentfähig werden ließ. Bemerkenswert ist der Einsatz hochbrechender Lanthan-Flintgläser in den Linsen Nummer 5 und 6 sowie des Lanthan-Kron LaK14 in den Linsen 8 und 9.

Dem Aufwand entsprechend konnte eine für die damalige Zeit gute Bildqualität erreicht werden. Die Bildfehler liegen im Bereich unterhalb von einem Prozent der Brennweite. Angesichts der Vorgabe, daß das Objektiv so klein wie möglich gebaut und der Filterdurchmesser bei 49 mm gehalten werden sollte, mußten nur geringe Kompromisse beispielsweise in der Korrektur des Astigmatismus eingegangen werden. Die Verzeichnung hat ihre Amplitude bei -2,42 Prozent.

Dieses Zuiko 2/28 mm war damals eine sehr moderne Konstruktion. Beim Blick auf den oben gezeigten Strahlenverlauf wird deutlich, daß bis zur Zerstreuungslinse des Grundobjektivs, also bis hinter die Linse Nummer 7, die Optik eine zerstreuende Wirkung hat. Bis zu dieser Stelle hat das Objektiv eine Brennweite von ungefähr -46,5 mm. Erst die beiden hinteren Linsen machen das Objektiv insgesamt sammelnd. Sie entwerfen also das bis dahin virtuelle Bild auf die lichtempfindliche Schicht. Diese Ausdehnung der zerstreuenden Wirkung der vorderen Gruppe bis weit hinter die Blendenebene war die Grundlage dafür, daß es hinter dem letzten Linsenscheitel nicht so knapp zugeht, wie dies bei älteren Konstruktionen oft der Fall war. Wenn für ein lichtstarkes Retrofokus die hinteren Linsendurchmesser stark angehoben werden müssen, dann ist eine großzügige Schnittweite um so wichtiger.

Das Zuiko 2/28 mm ist ein Paradebeispiel dafür, wie mit den Eigenschaften eines Retrofokus-Aufbaus der sogenannten künstlichen Vignettierung entgegengewirkt werden kann, also derjenigen Begrenzung des Durchmessers des schräg einfallenden Strahlenbüschels, die dadurch hervorgerufen wird, daß ein übliches mehrlinsiges optisches System wie eine lange Röhre wirkt, durch die man immer weniger hindurchblicken kann, je schräger man sie vor das Auge hält.
Erst das Bundespatent Nr. 2.323.377 vom vom 9. Mai 1973 gibt Auskunft darüber, weshalb im Patent zum Zuiko 2/28 mm keine weiteren Aussagen zum dort angewendeten Korrektionsausgleich gemacht werden. An diesem Punkt kreuzen sich nämlich die Arbeiten Toru Fujiis mit denjenigen Nobuo Yamashitas, die zusammen eine Lösung für den automatischen Korrektionsausgleich gefunden hatten, die sich für Olympus als patentfähig herausstellte – auch wenn die Erteilung erst im April 1982 erfolgte, fast neun Jahre nach der Anmeldung.

Um das bei Retrofokus-Konstruktionen charakteristische Ausbrechen der Bildschalen bei Naheinstellung des Objektives unter Kontrolle zu bringen (siehe Abschnitt 7), hatten Fujii und Yamashita eine einzelne, nahe der Blende gelegene Linse L6 verschiebbar angeordnet, während die Frontgruppe F und die rückwärtige Gruppe R fest stehen bleiben konnten. Durch Wahl dieser Position und einer entsprechenden Brechkraft dieser Linse konnten sie erreichen, daß bei Naheinstellung des Objektives weder seine sphärische Korrektur noch die Ausleuchtung des Bildfeldes angetastet wurden, sondern die Wirkung allein auf die Verbesserung der Bildfeldkrümmung beschränkt blieb. Während dieses "Floating-Patent" eindeutig Bezug nimmt auf das in Entwicklung befindliche Zuiko 3,5/18 mm von Nobuo Yamashita bezieht sich das Patentbeispiel 1 auf ein Weitwinkelobjektiv mit den Daten 1:2; f = 35 mm, an dem offenbar Toru Fujii arbeitete.

Doch dasjenige Objektiv, welches wir als Zuiko 2/35 mm kennen, stammte nicht von Herrn Fuji, sondern von einem dritten Optik-Konstrukteur bei Olympus namens Jihei Nakagawa. In der Bundesrepublik Deutschland wurde für diese Erfindung offenbar gar kein Patentschutz erst beantragt; zumindest jedoch keiner erteilt. Doch es existiert ein japanisches Patent vom 22. Mai 1972 [47-50480] und ein US-amerikanisches vom 22. November desselben Jahres [Nr. 3.844640.], die uns Auskunft über den Aufbau dieses Objektives geben.

Selbst wenn man das Objektiv mit der sicherlich etwas zu kurzen Nennbrennweite von 35,0 mm durchrechnet, ergibt sich eine sehr üppige Schnittweite von fast 40 mm. Nur so ließ sich ein lichtstarkes Retrofokus schaffen, das gleichzeitig noch eine gute Ausleuchtung der Bildecken zeigt, denn dafür müssen die Durchmesser der hinteren Linsen groß genug sein. Und Linsen mit großen Durchmessern kann man nicht mehr so fassen, daß sie quasi halb aus dem Objektivkörper herausragen (wie man das bei manchen lichtschwachen Retrofokusobjektiven beobachten kann.

Diese Randabschattung war übrigens so ausgelegt worden, daß das mit der vollen Hauptstrahlneigung von etwa 32 Grad einfallende Strahlenbüschel noch ziemlich genau den halben Durchmesser des Achsenbüschels hatte. Das bedeutet, daß bei voller Öffnung der Blende die äußerste Bildecke in etwa mit dem Öffnungsverhältnis 1:4,0 belichtet wird. Die sphärische Abweichung war so gut behoben, wie man es von den besten Gaußtyp-Normalobjektiven gewohnt war und auch die sogenannte Sphärochromasie, also die Varianz des Öffnungsfehlers über das Spektrum hinweg war gering (die Abbildung oben zeigt die gelbe d-Linie ausgezogen und die blaue g-Linie gestrichelt, statt "20°" muß es natürlich 1:2,0 heißen). Beachten Sie den viel kleinen Maßstab der Abszissenachse gegenüber den anderen hier bereits gezeigten Diagrammen, der dadurch zu erklären ist, daß in diesem Patent die Konstruktionsdaten auf die Brennweite f = 1 bezogen sind, statt auf 100 mm. Man muß also alle Werte mit 100 multiplizieren, um auf die Bezugsebene Prozent der Brennweite der anderen Darstellungen zu kommen. Über den Großteil des Bildfeldes hinweg war das Bildfeld fast perfekt astigmatisch geebnet und die kissenförmige Verzeichnung hatte ihre Amplitude bei -2,64 Prozent. Für das Konstruktionsjahr 1972 war das alles ziemlich bemerkenswert.

Doch dieser Jihei Nakagawa hatte schon zuvor an einem Retrofokus mit über 80 Grad Bildwinkel zu arbeiten begonnen. An diesem Projekt für das spätere Zuiko 2,8/24 mm scheint er dabei parallel zu dem obigen 2/35 mm gerechnet zu haben. Es fällt nämlich auf, daß die Patentierung in zwei Schritten erfolgte. Einmal mit dem Bundespatent Nummer 2.259.987 vom 7. Dezember 1972 (Japan: 8. Dezember 1971), das aber nicht in die Fertigung übernommen wurde. Es folgten zwei weitere Patente in Japan vom Mai und vom September 1972, die schließlich in einem US-Patent Nr. 3.884.556 vom 4. Mai 1973 zusammengefaßt wurden. Hierin ist die erste Serienversion des Zuiko 2,8/24 mm enthalten.

Es scheint kaum bekannt zu sein, daß es eine erste Version dieses Objektives gegeben hat, die offenbar nur nur in der Anfangszeit des OM-Systems auf dem Markt war und nach ein oder zwei Jahren durch die allseits bekannte neue Version ersetzt wurde. Da offensichtlich äußerlich kaum Unterschiede bestehen, ist das in frühen Prospekten abgebildete Linsenschnittbild der ausschlaggebende Hinweis.

Man sieht sehr gut, wie groß die Gemeinsamkeiten mit dem bereits besprochenen Zuiko 2/35 mm sind, das Jihei Nakagawa zu selben Zeit entwickelte. Doch der Konstrukteur war letztlich mit der Bildleistung dieser Lösung nicht zufrieden. Und wenn man wissen will, woran dies gelegen hat, dann muß man einen Blick in die Patentanmeldung zu seinem Nachfolger werfen.

Und aus dieser Schutzschrift für den Nachfolger kann man herauslesen, daß der Vorgänger an einer zu hohen Farbquerabweichung litt. Bei der chromatischen Korrektur eines optischen System genügt es nicht, die verschiedenfarbigen Bilder alle im selben Abstand auf die Bildebene zu werfen, also ihnen dieselbe Schnittweite zu geben (Farblängsfehler). Es muß auch dafür gesorgt werden, daß die blauen, grünen und gelben Bilder dieselbe Größe aufweisen; das Objektiv also für die verschiedenen Farben dieselbe Brennweite hat. Und man sieht schon wo das Problem liegt: Wenn diese Brennweiten unterschiedlich sind, dann ändert auch Abblenden nichts an den sich ergebenden Farbsäumen. Wie Nakagawa in seiner bundesdeutschen Patentanmeldung Nr. 2.413.238 vom 19. März 1974 (Japan: 19. März 1973) ausführt, muß als Gegenmaßnahme zu diesem Farbquerfehler gewährleistet sein, daß das Bild, das von der vorderen, zerstreuenden Objektivhälfte erzeugt wird, bezogen auf die blaue g-Linie größer sein muß als dasjenige für die gelbe d-Linie, um die genau umgekehrte Verhaltensweise des sammelnden Objektivteiles bezüglich des Farbenvergrößerungsfehlers wieder auszugleichen. Anstatt daß wie beim Vorgänger die vordere Sammellinse aus dem Glas mit hoher Dispersion und die nachfolgenden Zerstreuungslinse aus dem Glas mit der niedrigeren Dispersion bestehen, hatte Nakagawa die Anordnung bei diesem neuen Objektiv umgekehrt. Das war aber nur dann ohne negative Auswirkungen auf die übrigen Bildfehler umsetzbar, wenn der sonst bei Retrofokus-Objektiven übliche größere Luftspalt im vorderen Systemteil stark verkleinert wurde.

Damit erreichte Nakagawa zugleich einen besonders kompakten Aufbau mit sehr kleiner Frontlinse sowie ein 24-mm-Objektiv mit einer außergewöhnlich hohen Bildfehlerberichtigung, wie oben die sehr schlanken Kurven für die sphärischen Abweichungen und den Astigmatismus verdeutlichen. Ganz rechts ist die Lage des blauen Bildes gegenüber der Bildebene gezeigt. Der feinere Maßstab der Abszisse im Vergleich zu den anderen Darstellungen ist wieder dadurch zu erklären, daß im Patent die Konstruktionsdaten auf die Brennweite f = 1 bezogen sind. Aus der Tatsache, daß sich von dieser Anmeldung nur eine Offenlegungsschrift erhalten hat, muß man wohl schließen, daß in der Bundesrepublik letztlich nie ein Patentschutz erreicht wurde.

Wenn man sich die von der Firma Olympus publizierten Objektiv-Schnittbilder anschaut, dann offenbart sich, daß sich die neue Version des Zuiko 2,8/24 mm gar nicht äußerlich anhand einer kleineren Frontlinse von seinem Vorgänger unterscheiden läßt, weil einfach deren Durchmesser groß genug gehalten werden mußte, um sie in 0,1 mm Abstand vor der nachfolgenden Zerstreuungslinse innerhalb der Fassung montieren zu können. Wie man oben sieht, werden aber diese äußeren Linsenzonen überhaupt nicht von den schräg einfallenden Strahlenbüscheln durchdrungen, sind also aus rein optischen Gründen nicht notwendig. Mit einer Baulänge der Optik, die nur noch so groß war wie die Schnittweite, hatte Nakagawa ein für damalige Verhältnisse ungewöhnlich kompaktes 24-mm-Weitwinkel geschaffen. Vier der acht Linsen bestehen aus sehr schweren Krongläsern.

Oben wurde bereits angesprochen, daß Nobuo Yamashita an einem Retrofokus mit 100 Grad Bildwinkel arbeitete, als er mit Toru Fujii eine eigene Variante des Korrektionsausgleiches entwickelte. Die Geschichte dieses Zuiko 3,5/18 mm ist aber alles andere als geradlinig verlaufen. Und sie ist schwer nachzuvollziehen, da offenbar nicht nur eine Unzahl an Versuchsobjektiven gerechnet wurden, sondern man bei Olympus der Meinung war, sich diese ganzen Prototypen auch noch patentieren zu lassen. Es hat jedoch eine erste Version dieses 18-mm-Objektives gegeben, die zumindest bei Messevorstellungen gezeigt wurde und von der es sogar verschiedene Prospektabbildungen gibt.

Der Aufbau dieses Prototyps bzw. Vorserienobjektivs ist in der Bundesdeutschen Patentanmeldung Nr. 2.322.303 vom 3. Mai 1973 (Japan: 4. Mai 1972) verankert. Aus der Tatsache, daß sich von der Anmeldung aber wiederum nur eine Offenlegungsschrift erhalten hat, darf man schließen, daß das Patentgesuch wohl nicht erfolgreich war. Das könnte auch daran gelegen haben, daß die Patentschrift ausgesprochen nachlässig formuliert ist. Es handelt sich offenbar um eine sehr lausige Übersetzung aus dem Englischen. So ist mehrfach von einer "langen hinteren Brennweite" die Rede, was eine direkte und somit falsche Übersetzung von "long back focal length" ist. Wenn in einer Patentschrift etwas von einer langen Brennweite geschrieben steht, wo eigentlich eine verlängerte Schnittweite gemeint ist, dann kann die Anmeldung eigentlich nur scheitern.

Wenn man ein bisschen Erfahrung im Umgang mit Optik-Datenblättern hat, dann läßt sich auf vergleichsweise einfache Weise ausrechnen, daß die zugrundegelegte Endbrennweite des Gesamtsystems bei realen 18,22 mm gelegen hat (bezogen auf 587,6 nm Wellenlänge). Daraus läßt sich wiederum schließen, daß wir es beim Beispiel 1 des Patentes 2.322.303 mit einer auf die übliche Nennbrennweite von 100 mm umgerechneten Version eines real durchkonstruierten Objektives zu tun haben und damit mit hoher Wahrscheinlichkeit mit dem besagten Prototyp namens L-Zuiko 3,5/18 mm.

Die der Offenlegungsschrift beigefügten Bildfehlerkurven lassen erkennen, daß der Kugelgestaltsfehler mitsamt der sphärochromatischen Abweichung befriedigend behoben war (Fig. 3a). Nicht zufrieden sein konnte man mit der stark kissenförmigen Verzeichnung, die ihre Amplitude bei -5,95 Prozent hatte. Doch wir wollen uns an dieser Stelle einmal genauer mit den drei Diagrammen beschäftigen, die uns die Wölbung des Bildfeldes und den Astigmatismus aufzeigen. Figur 3b belegt, daß selbst bei auf weite Entfernungen eingestelltem Objektiv durch die ziemlich stark ausbrechenden Bildschalen ein erhebliches Maß an Astigmatismus das Bild Richtung Seitenränder zunehmend unscharf werden ließ. Die Figur 3f ganz rechts gibt nun den Fall wieder, daß auf eine Nahdistanz eingestellt wird, die dem Abbildungsmaßstab 1:40 entspricht. Die sagittale Bildschale bleibt dann ziemlich genau dort, wo sie bei Unendlich schon war, doch die meridionale Bildschale, die vorher ziemlich weit im Negativen lag, läuft nun auf einmal im Positiven auf und davon. Um diese Erscheinung zu verhindern, zeigt Figur 3e was passiert, wenn durch einen automatischen Bildfehlerausgleich das Kittglied L7 und die Zerstreuungslinse L8 gemeinsam so verstellt werden, daß die Lufträume d13 und d18 die angegebenen Zahlenwerte erhalten. Wie man sieht, werden nun beide Bildschalen sehr gut einander angenähert. Es bleibt zwar ein Rest Bildfeldwölbung, doch die astigmatische Differenz ist nun sogar teilweise geringer als bei Unendlichstellung des Schneckenganges.

Die beiden Bundesdeutschen Patentanmeldungen mit den Nummern 2.413.472 und 2.413.473 vom 20. März 1974 (Japan 20. März 1973) legen Zeugnis davon ab, daß Yamashita zunächst an einer Verbesserung des Korrektionsausgleiches bei diesem Objektiv gearbeitet hat. Er hat nämlich in diesen Schutzanmeldungen die Korrektionsbedingungen (Figur 1) für die Verhinderung das Ausbrechens des Astigmatismus im Nahbereich (Figur 5b) genauer untersucht. Die Tatsache, daß wiederum in Deutschland nur Offenlegungsschriften erhalten geblieben sind, könnte man als Anzeichen dafür sehen, daß er bei der Verbesserung des Astigmatismus im Vergleich zur Konkurrenz keine so entscheidenden Fortschritte gemacht hat, daß seine Patentgesuche als schutzwürdig angesehen wurden. Das ändert nichts daran, daß die Verbesserung im Vergleich zum Ursprungs-Objektiv ganz erheblich gewesen sind. Die Kurven für den Astigmatismus auf Unendlich (Figur 4b) und für die Einstellung auf etwa einen Meter (Figur 6b) sind bereits deutlich besser geworden. Das beigefügte Achsenschnittbild (Figur 2) zeigt, daß sich im vorderen Systemteil die Position der Linsen geändert hatte und im hinteren die Zerstreuungslinse weggefallen ist. Dafür war jetzt das hintere Kittglied zerstreuend. Dennoch ist das Objektiv in diesem Zustand nicht in die Serienfertigung gelangt.

Man könnte es schon als außergewöhnlich genug ansehen, daß die Firma Olympus gleich drei Spitzen-Konstrukteure beschäftigte, um die Weitwinkel-Palette zu ihrer neu herausgebrachten Kleinbild-Reflexkamera möglichst rasch auszubauen. Ziemlich beispiellos dürfte jedoch der Fall sein, daß der eine der Konstrukteure regelrecht das Projekt eines anderen Konstrukteurs übernimmt. Wir müssen zwar aus dem bereits Gesagten schließen, daß die Rechenbüros ohnehin eng miteinander zusammengearbeitet haben. Doch hier drängt sich dennoch der Eindruck auf, daß Herr Yamashita mit seinem Projekt nicht so recht weiter gekommen war und es daher sein Kollege Jihei Nakagawa zu Ende geführt hat. Schließlich bezieht sich die Bundesdeutsche Patentschrift Nr. 2.629.504 vom 30. Juni 1976 (Japan wieder genau ein Jahr zuvor), die das tatsächlich in Serie gefertigte Zuiko 3,5/18 mm beschreibt, direkt auf die oben genannte Offenlegungsschrift Nr. 2.413.473 seines Kollegen. Zunächst fällt an dieser neuen Schutzschrift Nakagawas, die dann im Dezember 1981 auch wirklich erteilt wurde, positiv auf, daß sie in einer korrekten deutschen Fachsprache verfaßt ist.
.jpg?etag=%2281e90-69da4dfe%22&sourceContentType=image%2Fjpeg&ignoreAspectRatio&resize=620%2B564&quality=85)
Zweitens muß man wohl davon ausgehen, daß Nakagawa den Konstruktionsansatz Yamashitas "einfach" durch sorgfältige Korrekturarbeit so weit perfektioniert hat, daß er ein Optimum erreichte und damit aus dem 100-Grad-Projekt endlich ein marktfähiges Produkt machte. Oben sind wiederum die Bildfehlerkurven dargestellt, wobei die Astigmatismus-Figur 2b nun für nah und fern zugleich galt. Der Restbetrag der Bildfeldwölbung ist gering und die astigmatische Differenz zwischen beiden Bildschalen fast vollständig eliminiert. Und wie man an der Figur 2c erkennt, konnte zugleich auch die Verzeichnung auf ein außergewöhnlich kleines Maß gebracht werden. Ein Betrag von -2,32 Prozent ist ein besserer Wert als bei so manchem 28-mm-Weitwinkel.

Bei diesem Serienobjektiv des Zuiko 3,5/18 mm fällt sofort die stark kugelige Frontlinse auf. Dabei wurde übrigens meiner Ansicht nach eine riesige Torheit begangen: Nur um es äußerlich so kompakt wirken zu lassen, wie die übrigen Zuiko-Objektive, ragt diese stark gewölbte Frontlinse völlig ungeschützt aus der vorderen Fassung heraus. Der normalerweise bei derartigen Objektiven übliche trichterartige Vorbau, der auch das groß dimensionierte Filtergewinde trägt, wurde nur als Zubehörteil angeboten. In der Praxis bedeutet dies, daß ein einziges versehentliches Anschlagen der Vorderlinse an ein Geländer, eine Mauer oder dergleichen das gesamte Objektiv unrettbar zerstören kann.
Ein nicht weniger bemerkenswertes Objektiv scheint mir das oben zu sehende Olympus Zuiko 3,5/21 mm zu sein, weil es wohl bis heute zu den kompaktesten Retrofokus-Weitwinkelobjektiven mit über 90 Grad Bildwinkel gehört. Geschaffen wurde es von Jihei Nakagawa und es ist niedergelegt im Bundespatent Nr. 2.323.440 vom 9. Mai 1973 (Japan: 10. Mai 1972) als eines von acht verschiedenen Ausführungsformen.

Bei der Frage danach, welche von den acht verschiedenen Konstruktionen wirklich produziert wurde, gab es Verwirrung dadurch, daß die Firma Olympus zwei voneinander abweichende Schnittbilder dieses Objektives veröffentlicht hat, von denen eines falsch ist und das andere nicht. Beim Nachrechnen der drei in Frage kommenden Varianten hat sich ergeben, daß allein das Ausführungsbeispiel 3 die Anforderungen an die Schnittweite und die Bildleistung zugleich erfüllt. Es sind also nur diejenigen von Olympus veröffentlichten Schnittbilder korrekt, bei denen keine der Linsen verkittet ist.

Obwohl insbesondere die in diesem Patent angegebene erste Ausführungsform, bei der die Linsen 5 und 6 miteinander verkittet sind, einen besser korrigierten Astigmatismus hat (Abbildung oben links), wurde die vollständig unverkittete Variante produziert, auch wenn diese eine sichtliche astigmatische Differenz Richtung Bildrand entwickel. Doch allein diese unverkittete Version erreichte nicht nur die notwendige Schnittweite, sondern auch einen hinlänglich großen Bildwinkel. Außerdem war bei dieser Ausführungsform der Öffnungsfehler günstiger korrigiert. Die Verzeichnung war mit einer Amplitude von -3,14 Prozent allerdings nicht unerheblich, was auch eine Folge davon war, daß hier Jihei Nakagawa die Kompaktbauweise auf die Spitze getrieben hatte. Im direkten Vergleich mit Walter Wöltches Super-Angulon R 4/21 mm, das Nakagawa in seinem Patent übrigens als Referenz angibt, wird überdeutlich, wie groß die Fortschritte im Objektivbau in den wenigen Jahren zwischen 1966 und 1972/73 gewesen sind.

Die Baulänge der Optik war bei diesem Zuiko 3,5/21mm nicht einmal 4 Prozent größer als die Schnittweite. Durch den gedrängten Aufbau ist die Vignettierung angesichts des enormen Bildwinkels bemerkenswert gering. Falls Sie beim Einsatz dieses Objektives an Ihrer Digitalkamera einen anderen Eindruck haben, dann ziehen Sie bitte in Betracht, daß dies schlicht und ergreifend auch ein wenig an der Ausgestaltung des Sensors dieser Kamera liegen könnte. Auf Film liefert das Objektiv sehr gute Ergebnisse, der merkliche Astigmatismus in den Bildecken geht im begrenzten Auflösungsvermögen üblicher photographischer Schichten unter.

Oben war die Rede davon, Olympus habe mit Herrn Fuji, Herrn Yamashita und Herrn Nakagawa gleich drei Konstrukteure darauf "angesetzt", die Objektivpalette der neuen Olympus-Kleinbildreflexkamera so rasch wie möglich auszubauen und dabei vor allem im Bereich der Retrofokus-Weitwinkel die Spitze des Weltmarktes zu bestimmen. Doch das stimmt ja gar nicht. In Wahrheit gab es sogar noch einen vierten Mann namens Masaki Matsubara, der hinter dem oben zu sehenden Zuiko 2/24 mm steht.

Interessant ist, daß dieses Zuiko 2/24 mm parallel zum 2,8/24 mm seines Kollegen entwickelt und in Japan bereits zum 29. Mai 1972 patentiert wurde. In den USA folgte das Patent Nr. 3.830.559 dann im März 1973. Auch von diesem Objektiv gibt es wieder ein Vorserienmodell, das in dieser Form nie in den Handel gekommen ist, sondern nur in Einzelexemplaren gebaut wurde und von dem man nur aus Katalogen und Werbeschriften weiß. Sein Aufbau ist oben rekonstruiert.

Es verwundert schon ein wenig, daß das tatsächlich gefertigte Serienobjektiv nicht erst später entwickelt wurde, sondern im selben Patent enthalten ist. Man sieht, wie hier die Brechkräfte der beiden Zerstreuungslinsen im vorderen Systemteil angehoben wurden und die dritte Zerstreuungslinse durch eine bikonvexe Sammellinse ersetzt wurde, mit der eine bessere außeraxiale Korrektion möglich wurde. Beide Objektive waren gezielt so ausgelegt worden, daß trotz des großen Bildwinkels und trotz der hohen Öffnung der Filterdurchmesser auf 55 mm begrenzt werden konnte.

Bei der Beantwortung der Frage danach, weshalb man sich letztlich dafür entschieden hat, diese zweite Ausführungsform in die Produktion zu übernehmen, lohnt sich ein Blick auf die dem Patent beigegebenen Bildfehlerkurven. Oben betrifft dies die erste Ausführungsform mit den drei Zerstreuungslinsen im Vorderglied. In der Figur 3a haben wir zunächst wie üblich den Öffnungsfehler in 3b die Astigmatismus-Kurven für weite Motiventfernungen und in 3c die Kurve für die Verzeichnung. Darunter in 3d die Komakurven für zwei Hauptstrahlneigungen. So weit so gut. In Figur 3e und 3f sieht man, was mit der sphärischen Aberration und dem Astigmatismus passiert, wenn das Objektiv auf eine nahe Entfernung mit dem Abbildungsmaßstab 1:40 eingestellt wird, ohne daß man die Lufträume verändert. Wie schon mehrfach besprochen, wachsen beide Bildfehler erheblich an. Die Figuren 3g und 3h geben dagegen den Kugelgestaltsfehler und die Bildschalen wieder, wenn bei Naheinstellung des Objektivs die Lufträume d11 und d16 angepaßt werden. Wie zu erwarten, wird durch diese Maßnahme das Ausbrechen beider Bildfehler wirksam vermieden.

Die Bildfehlerkurven des letztlich in Serie fabrizierten Zuiko 2/24 mm sehen dagegen viel übersichtlicher aus. Das liegt daran, daß Herr Matsubara diese Version so optimieren konnte, daß die sagittale Bildschale nicht ausbrach, wenn man auf nahe Entfernungen einstellte. Das würde suggerieren, diese zweite Bauform und damit das Serienobjektiv wäre ohne floating elements ausgekommen. Der genaue Wortlaut in der Patentschrift ist: "FIG. 5d graphically represents the astigmatism when the fourth and fifth components IV and V are moved in unison in case of taking photographs of objects located at a short distances [sic] from the lens system with a photographic magnification β=1/40." Die Komponenten IV und V sind das hintere Kittglied und die nachfolgende Sammellinse. Der Ausdruck "in unison" läßt sich mit im Gleichklang übersetzen. Es kann ja wohl nur der Gleichklang mit dem Fokussierhub gemeint sein. Denn eine Änderung der Luftabstände d11 und d16 wird nun nicht mehr erwähnt. Wieder sieht man, daß die Firma Olympus immense Probleme hatte, ihre Patente unmißverständlich zu formulieren. Im Serienobjektiv scheinen letztlich dennoch Linsen verschoben zu werden.

Nach Aussage von Frank Timmann verfügt auch diese Serienversion des Zuiko 2/24 mm über einen Korrektionsausgleich. Übrigens läßt sich an seinem Beispiel noch einmal der immens rasche Aufstieg von Olympus auf dem Weltmarkt während der 1960er Jahre zeigen. Im Jahre 1964 setzte Olympus mit der Niederlassung in Hamburg (Steindamm 105) einen Fuß auf den europäischen Markt. Sowohl der Verkauf der medizinischen wie der phototechnischen Erzeugnisse entwickelte sich derart sprunghaft, daß schon bald ein Service aufgebaut werden mußte. Zunächst wurden dafür Techniker aus Japan eingeflogen, was sich aber rasch als unpraktisch herausstellte. Frank Timmann (links stehend, zuständig für die Phototechnik) und Manfred Dube (rechts sitzend, zuständig für die Endoskope) waren wohl die ersten nicht-japanischen Reparaturtechniker der Firma Olympus (Bild oben von 1968 oder 1969, Privatbesitz Timmann).

Der Höhepunkt der Entwicklung der Retrofokus-Weitwinkel bei Olympus war dann das Zuiko 2/21 mm, mit dem der Hersteller die Grenzen des damals Machbaren auslotete. An diesem Objektiv kann man aber auch erkennen, wie die Entwicklung dieser Retrofokus-Systeme immer aufwendiger wurde. Ursprünglich war auch dieses Weitwinkel ein Projekt von Jihei Nakagawa, was durch die deutsche Offenlegungsschrift 2.507.887 vom 24. Februar 1975 belegt ist (Japan: 23. Februar 1974). Aus der Tatsache heraus, daß in den darauffolgenden Jahren der Olympus-Konstrukteur Yoshitsugi Ikeda zwei weitere Patentanmeldungen zu diesem Objektiv nachschob, kann man schlußfolgern, daß ein Prototyp offensichtlich qualitativ noch nicht befriedigen konnte. Ikeda beschrieb das dahinterstehende Problem in der Offenlegungsschrift Nr. 2.811.023 vom 14. März 1978 (Japan: 1977) folgendermaßen:
"Bekannte Retrofokus-Weitwinkelobjektive mit großem Öffnungsverhältnis [nämlich der o.g. Prototyp] haben den Nachteil, daß die wirksame Blendenöffnung für achsenferne, schrägeinfallende Lichtbündel größer als der wirksame Durchmesser der maximalen Blendenöffnung auf der Einfallsseite für achsenparallele Strahlen ist. Daher ist es nicht möglich, solche Lichtstrahlen bzw. Lichtflecken, die auf Grund von Abbildungsfehlern (Koma) entstehen, durch die wirksame Blendenöffnung des Objektivs allein zu begrenzen, wenn die Blende im geöffneten Zustand benutzt wird, d.h. bei Offenblende. Dieses Phänomen tritt insbesondere bei Objektiven mit kurzer Gesamtlänge auf und verschlechtert unvermeidbar die Qualität des Bildes bzw. fotografierten Gegenstandes."
Über die künstliche Vergrößerung der Eintrittspupille für besonders schräg einfallendes Licht durch die stark zerstreuende Frontgruppe bei Retrofokus-Objektiven wurden bereits weiter oben etwas gesagt. Die Bildqualität dieses Zuiko-2/21-Prototypen wurde also gerade bei voller Öffnung der Blende zusätzlich dadurch gemindert, daß die normale Irisblende keine Wirkung mehr dabei zeigte, jenes übermäßig einfallende Licht, das stark von Koma überprägt war, auszuschalten. Herr Ikeda wandelte daher Herrn Nakagawas Ansatz dahingehend ab, daß er den Objektivaufbau an einer geeigneten Stelle aufbrach, um hier eine zusätzliche Blende mit fester Öffnung einzubringen, die allein bei voller Objektivöffnung wirksam wurde. Neben der bereits zitierten Patentanmeldung Nr. 2.811.023 von 1978 gab es diesbezüglich zuvor schon ein Patent Nr. 2.718.521 vom 26. April 1977 (Japan wiederum 1976), das auch wirklich im Januar 1980 erteilt wurde.

Oben habe ich einmal rot hervorgehoben, was Ikeda an Nakagawas Prototypen verändert hat: Er hat die dicke, sammelnd wirkende Linse Nummer 4 in zwei Einzelelemente aufgelöst, nur um in dem dadurch erreichten Luftzwischenraum eine Blende mit fester Öffnung unterbringen zu können, die nur dann ihre Wirkung zeigte, wenn der Anwender mit voller Irisblendenöffnung photographierte. Erst mit dieser Abwandlung konnte dieses bahnbrechende Olympus Zuiko 2/21 mm dann offenbar in die Serienfertigung überführt werden.

Oben sieht man, wie die zusätzliche Blende in der aufgeteilten Sammellinse (orange gezeichnet) dort untergebracht ist, wo sich kurz vorher die Begrenzung der schräg einfallenden Strahlenbüschel und des Achsenbüschels kreuzen (Schutzanspruch 1). Für das mit höchster Hauptstrahlneigung einfallende Lichtbüschel (grün gezeichnet) wird der untere Radius durch die vorderen Linsenränder begrenzt. Für mit kleiner Neigung einfallende Büschel fällt diese Begrenzung jedoch weg, wodurch der Büscheldurchmesser unzulässig hohe Werte erreichen würde, was merkliches Anwachsen der Koma zur Folge hätte.

In Figur 2 sieht man, wie ohne Einsatz der Blende die Strahlenbüschel über die zulässige Größe anwachsen und damit Koma erzeugen. Die Kurve 2 repräsentiert ein Strahlenbüschel, das mit voller Hauptstrahlneigung einfällt, die Kurve 1 ein mit kleinerer Neigung einfallendes. Die Figuren 3a und 3b zeigen, daß von diesem Blendeneffekt die untere Begrenzung des Strahlenbüschels betroffen ist.
Damit war in der zweiten Hälfte der 70er Jahre bereits ein technischer Stand im Bereich der Retrofokus-Weitwinkelobjektive erzielt worden, der sich prinzipiell kaum noch übertreffen ließ. Man erkennt das daran, daß von all den letztgenannten Schutzanmeldungen es nur noch ganz wenige wirklich zu einer Patenterteilung geschafft haben. Offenbar war es kaum noch möglich, gegenüber der Prüfabteilung in München den ausreichenden erfinderischen Neuerungsgrad plausibel zu machen. Die Fortschritte bei diesen Weitwinkelobjektiven lagen in den folgenden Jahrzehnten daher vielmehr darin, mit immer besserer Rechentechnik immer bessere Optimierungsarbeit zu leisten. Hierbei ging es insbesondere bei den Massenherstellern oftmals nicht gerade darum, unbedingt neue Spitzenleistungen zu erreichen, sondern auf gleichbleibendem Niveau die Herstellungskosten zu senken. Schließlich konnte es sich nicht jeder wie der große Medizintechnik-Fabrikant Olympus leisten, neben seiner Hauptsparte ein hochpreisiges Photosegment herlaufen zu lassen, mit dem man letztlich nur eine kleine Nische extrem qualitätsbewußter Kunden abdecken konnte. Um so erstaunlicher ist es, daß Olympus in den 70er Jahren gleich vier Spitzenkonstrukteure angesetzt hat, um eine stringente Linie an sehr kompakten Retrofokus-Weitwinkelobjektiven zu schaffen, die entweder ein ausgesprochenes Qualitätsniveau erreichten oder für ihre Zeit ungewöhnlich lichtstark waren.
2.12 Elgeet: Ihrer Zeit weit voraus
So jedenfalls könnte das Urteil über diese Firma lauten. Schließlich sprechen wir nicht von den 70er, sondern von den späten 40er und frühen 50er Jahren. Die Elgeet Optical Company war kurz nach dem Zweiten Weltkrieg von David Goldstein in Rochester gegründet worden und spezialisierte sich bald auf hochwertige optische Produkte, wozu auch Objektive für Photoapparate und Filmkameras gehörten. Hier stieß die Firma im Laufe der 1950er Jahre zunehmend in den Spitzensektor vor. Als Marktlücke erwiesen sich insbesondere hochlichtstarke Objektive für Schmalfilmkameras, wo man den Originalherstellern wie Kodak oder Bell & Howell rasch weit vorauseilte.

Als großer Schwachpunkt bei Schmalfilmkameras waren damals die sehr langen Brennweiten anzusehen. So hatte die Firma Kodak, von der die Dimensionierung der Schmalfilme stammte, für den 16-mm-Film die Brennweite 25 mm und für den Doppelacht-Film die Brennweite 12,5 mm als "normal" eingeführt. Diese Brennweiten waren aber jeweils etwa doppelt so lang wie die Bilddiagonale. Das hatte unter anderem den Grund, weil zwischen Objektiv und Filmebene der Verschluß untergebracht werden mußte, der sehr viel Platz benötigte. Eine weitere Verkürzung der Brennweite war ohne prozentuale Verlängerung der Schnittweite kaum möglich. Das erforderte den Rückgriff auf eine Retrofokus-Konstruktion. Einen ersten Schritt in diese Richtung hatten David Goldstein und sein Konstrukteur Robert E. Hopkins bereits im Juni 1949 unternommen, als sie ein 1,9/10 mm als echtes Normalobjektiv für den 8-mm-Film zum Patent anmeldeten [US2.594.020, de facto wohl als Elgeet Wide Angle Navitar 1,9/9 mm herausgebracht]. Die Schnittweite dieses Objektives lag bei 162 Prozent der Brennweite, wodurch es keinerlei Anbringungsschwierigkeiten an allen damaligen Kameras mit D-Gewinde gab.
Diesen Ansatz der Schmalfilmobjektive mit verlängerten Schnittweiten bauten sie in den folgenden Jahren weiter aus. Einen beispiellosen Höhepunkt erreichten sie dabei im Jahre 1955 mit dem Cine Navitar 1,2/12 mm. Und das gleich aus dreierlei Gründen: Einmal waren 12 mm Brennweite für den 16-mm-Film und damit 60 Grad Bildwinkel damals noch recht selten anzutreffen. Zweitens wurde mit der maximalen Öffnung von 1:1,2 ein Rekord für Retrofokus-Konstruktionen aufgestellt, der lange Jahre ohne Gleichen bleiben sollte. Und drittens wurde diese Leistung durch den serienmäßigen Einsatz einer asphärisch deformierten Fläche in der Rücklinse erreicht. Einem Artikel in der US-Zeitschrift Popular Photography vom Juni 1956 zufolge, war dieser Durchbruch bei der Massenfertigung einer Asphäre durch Kopplung der damals modernsten Bearbeitungsmaschinen mit einem IBM-Computer möglich geworden. Interessant ist, daß bereits hier die Rolle von asphärischen Elementen betont wird, die dann in den 90er Jahren zu ihrer massenhaften Verwendung geführt hat: Nicht das Erreichen einer besonderen Bildleistung an sich, sondern die Tatsache, daß jene mit einem deutlich geringeren Linsenaufwand gemeistert werden konnte. Neun Linsen in sieben Gruppen waren bei diesem "Golden Navitar" nach damaligen Maßstäben trotzdem recht viel. Gut ist zu sehen, wie das deformierte Element in Form einer Schmidt-Platte das System nach hinten abschließt. Damit konnten wie beim Teleskop die Auswirkungen der sphärischen Aberration und vor allem der Koma begrenzt werden, wenn auch hier mit einem deutlich größeren Bildwinkel von ziemlich genau 50 Grad. Für den Schmalfilm ist das viel!

Man muß natürlich dazusagen, daß diese außergewöhnlichen technischen Daten nur im Rahmen der recht bescheidenen Qualitätsanforderungen des 16-mm-Schmalfilmes gerechtfertigt waren. Das eng begrenzte Auflösungsvermögen des nur etwa 7,5 x 10 mm großen Filmbildes verschleierte weitgehend die Tatsache, daß nach heutigen Gesichtspunkten das Golden Navitar 1,2/12 mm bei seiner vollen Öffnung im Prinzip kaum mehr als einen Weichzeichner darstellt. Auf dem amerikanischen Markt wurden aber Produkte oftmals nach anderen Gesichtspunkten vermarktet als in Europa. Firmen wie Schneider, Zeiss oder Angénieux hätten eine derart überreizte Konstruktion so nicht in den Umlauf gebracht.
2.13 Gerade noch rechtzeitig: Retrofokus-Weitwinkel aus Wetzlar
Die Firma Leitz hatte im Jahre 1954 mit ihrer Leica M3 die Sucherkamera auf ein neues Niveau gehoben. Dieser große Erfolg und die dafür gezollte Anerkennung sorgten aber in Wetzlar offenbar dafür, daß man den Blick dafür verlor, wo international der Trend hinging. Und der kippte in der zweiten Hälfte der 50er Jahre auf einmal deutlich in Richtung Einäugige Reflexkamera. Man begann zwar nun auch bei Leitz mit der Entwicklung einer Kleinbildreflexkamera, doch man hatte das Problem, sich irgendwie deutlich von denjenigen Firmen absetzen zu müssen, die dieses Marktsegment bereits beherrschten. Man setzte daher auf technische Perfektion. Der große Druck, der auf dem Unternehmen dabei lastete, führte zu der Kuriosität, daß die 1964 erschienene Leicaflex zwar mit einem gekuppelten Belichtungsmesser auf Basis der modernen CdS-Technik ausgestattet wurde, auf die Innenlichtmessung hatte man jedoch aus zeitlichen Gründen verzichten müssen [Bild unten: Marek Wojcik].

Der große zeitlichen Druck, endlich die seit Jahren in Entwicklung befindliche Reflexkamera auf den Markt zu bringen, kommt auch im Hinblick auf ihre Objektive zum Ausdruck. Eilig mußte nun ein Weitwinkelobjektiv entwickelt werden, um mit einer kompletten Objektivpalette aus eigenem Hause aufwarten zu können. Diese Aufgabe übernahm Rudolf Rühl, der eine patentfähige Lösung erarbeitet hatte, die am 8. April 1965 zum Schutze angemeldet wurde [DBP Nr. 1.246.270]. Er griff dabei auf die Lösung zurück, bei der einem Objektiv mit ausreichend langer Schnittweite ein verkleinernd wirkendes Vorsatzsystem vorgeschaltet wurde.

Das Grundobjektiv dieses Elmarit-R 2,8/35 mm war sichtlich ein Tessartyp. Das Weitwinkel war vergleichsweise kurz gebaut und hatte eine bemerkenswert niedrige Distorsion mit einer Amplitude von 0,65 Prozent. Etwas wirklich Besonderes war dieses Objektiv im Vergleich zu den damals schon am Markt befindlichen Konkurrenzerzeugnissen jedoch nicht. Leitz hatte lediglich das nachvollzogen, was Hersteller wie Zeiss Jena oder Schneider Kreuznach schon seit einem Jahrzehnt im Angebot führten. Und da dieses 35-mm-Objektiv für einige Jahre das einzige Weitwinkel für die Leicaflex blieb, hinkte das Kamerasystem gegenüber den "Platzhirschen" im Reflex-Bereich sogar sichtlich hinterher.

Erst sechs Jahre nach Erscheinen des Systems am Markt wurde im Herbst 1970 ein 76-Grad-Weitwinkel vorgestellt. Auch dieses Elmarit-R 2,8/28 mm war eine Konstruktion Rudolf Rühls. Sie zeichnete sich dadurch aus, daß bei einer guten Bildleistung ein sehr kompakter Aufbau erreicht wurde. Insbesondere der Frontlinsendurchmesser konnte vergleichsweise klein gehalten werden. Angemeldet wurde dieses Objektiv am 26. März 1971; erteilt wurde es allerdings erst im September 1980 [DBP Nr. 2.114.729]. Die Verzeichnung lag bei 1,8 Prozent. Die Schnittweite lag auch hier bei über 38 mm, da der Spiegel der Leicaflex ungewöhnlich viel Platz hinter dem Objektiv beanspruchte. Man sollte übrigens beachten, daß Leitz in jener Zeit seine Konstruktionsparameter auf die grüne e-Linie statt auf die gelbe d-Linie des Spektrums bezogen hat, wie das eigentlich der gemeinsame deutsche Normenausschuß damals festgelegt hatte.

Während diese frühen Retrofokus-Objektive aus dem Hause Leitz in optischer Hinsicht nicht gerade spektakulär erscheinen so besticht doch bis heute die hochwertige Fassung, mit der die Firma zweifellos den internationalen Spitzenstand markierte

Nur wenige Tage später wurde das oben dargestellte Summicron-R 2/35 mm beim Patentamt angemeldet [DBP Nr. 2.115.852]. Konstrukteur dieses Retrofokus-Weitwinkels war Walter Watz, der sich laut Patentschrift vorgenommen hatte, insbesondere den Durchmesser der Frontlinse klein zu halten. Er erreichte dies, indem er die Blende VOR das sammelnde Grundobjektiv verlegte. Das verlangte allerdings besondere Maßnahmen zur Korrektur der Abbildungsfehler. Wie in den beiden anderen oben genannten Leitz-Retrofokus-Wetwinkeln kam in der Frontgruppe besonders niedrig dispergierendes Fluor-Kron FK5 zum Einsatz und im sammelnden Teil das besonders vorteilhafte Lanthan-Kron LaK9. Die Verzeichnung lag bei diesem Summicron 2/35 mm bei sehr niedrigen -1,2 Prozent. Daß sich die Firma Leitz damals entschlossen hatte, das Angebot an Retrofokus-Weitwinkeln durch Übernahme von Konstruktionen fremder Firmen aufzubessern, das wurde bereits im Hinblick auf das Super-Angulon 4/21 mm erwähnt.
2.14 Canon
Ich hätte es mir ja denken können: Da beleuchtet man die Retrofokus-Objektive der japanischen Hersteller Nikon, Pentax, Olympus und Minolta und dann melden sich die Anhänger der Firma Canon und fragen, weshalb ich gerade diesen Hersteller auslasse. Das hat natürlich nicht mit einer Abneigung meinerseits gegenüber den Erzeugnissen der Firma Canon zu tun, sondern hauptsächlich damit, daß die japanischen Firmen anfänglich wenig in Europa patentieren ließen. Und die Recherche japanischer Patentschriften ist aus nachvollziehbaren Gründen mit großen Schwierigkeiten verbunden.

Hier doppelklicken, um Ihren eigenen Text hinzuzufügen.

Hier doppelklicken, um Ihren eigenen Text hinzuzufügen.
Hier doppelklicken, um Ihren eigenen Text hinzuzufügen.
Hier doppelklicken, um Ihren eigenen Text hinzuzufügen.

Hier doppelklicken, um Ihren eigenen Text hinzuzufügen.
Die.
Marco Kröger M.A.
letzte Änderung: 7. Mai 2026

Yves Strobelt, Zwickau
zeissikonveb@web.de

Wir bitten, von Reparaturanfragen abzusehen. Auch geben wir keine Anleitungen zum Nachbau der hier gezeigten Geräte. Die Seiten zur historischen Entwicklung der Phototechnik geben den derzeitigen Stand der Erkenntnis wieder, der ggf. ergänzt und erweitert wird, wenn neues Wissen hinzukommt. In letzter Zeit erreichen uns vermehrt Zuschriften von Lesern, die NOCH MEHR Informationen von uns fordern, weil sie die für ihre eigene Webseite oder ihr Video benötigen. Bitte geben Sie sich mit dem zufrieden, was Sie bei uns finden. Diese Seite ist für alle kostenfrei einsehbar. Wir erlauben grundsätzlich keine Verwertung der hier gegebenen Informationen für kommerzielle Zwecke!